Am linken Ufer des Assif Mellah liegt Aït-Ben-Haddou. Aït ist ein bei Berbern häufiger Namenszusatz mit der Bedeutung „Leute von“ und deutet auf die Abstammung von einem bestimmten männlichen Vorfahren. So verweist der Name Aït-Ben-Haddou auf den Sohn der Haddou, einem Berberstamm hier in Südmarokko.

Aït-Ben-Haddou mit seinen teilweise noch erhaltenen und bewohnten Tighremts gehört zu den großartigsten Eindrücken des marokkanischen Südens. Trotz der wüstenartigen Umgebung wachsen hier aufgrund der Lage in 1.300 m Höhe und des von den Bergen des Hohen Atlas beeinflussten kühlen Klimas nur wenige Palmen, auf denen zwar keine Früchte gedeihen, deren Wedel jedoch in den Zeiten der Selbstversorgung zu äußerst belastbaren Körben und Satteltaschen geflochten wurden und deren Stämme beim Bau der Häuser als Türstürze oder Deckenbalken Verwendung fanden.

Das alte Dorf (Ksar) besteht aus mehreren eng aneinander gebauten und teilweise ineinander verschachtelten Wohnburgen (Tiguermatin). Deren Lehmmauern ruhen auf natürlichem Fels oder größeren Findlingen. Die Bauten mit ihren Ecktürmen und Zinnen verleihen dem Ort sein wehrhaftes Aussehen, welches durch die Hanglage noch verstärkt wird. Das Dorf war der Hauptort des Stammes der Ben Haddou. Diese kontrollierten hier am Assif Mellah im 11. Jahrhundert den Handel auf der alten Karawanenstraße zwischen Timbuktu und Marrakesch. Der größtenteils aus Stampflehm und den in Südmarokko eher seltenen luftgetrockneten Lehmziegeln errichtete Ksar ist aber vermutlich jünger.

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein lebten die Bewohner als Selbstversorger von der Landwirtschaft, zu der auch ein wenig Viehzucht gehörte. In der Vergangenheit hielten sich Verfall und Wiederaufbau die Waage, doch die seit Jahren nachlassenden bzw. ganz ausbleibenden Regenfälle mit dem daraus resultierenden sinkenden Wasserstand, die Abwanderung der Jugend in die Städte, die Witterung und die zusätzliche Belastung durch immer größer werdende Touristenströme stellen den dauerhaften Bestand der Siedlung in Frage. Der Wandel vom Dorf zum Freilichtmuseum scheint vor diesem Hintergrund unumkehrbar.