Für mich war es schon vor 16 Jahren der architektonische Höhepunkt der Reise, im Grunde ist es dieses Mal kaum anders. Der Unterschied ist nur, dass ich damals ziemlich unvorbereitet den großen Säulensaal im Tempel des Amun-Re betrat, heute jedoch weiß, was mich erwartet. Hätten die alten Griechen die Tempelanlage von Karnak gekannt, so wäre der Säulensaal ein weiteres, ein 8. antikes Weltwunder geworden. Umso trauriger bin ich, dass kaum Zeit bleibt, das Ensemble in sich aufzunehmen. Ich habe Verständnis für jeden Reiseführer, der möglichst viel von seinem Wissen weitergeben will und sehr kleinteilig über verschiedene Statuen, Obelisken, Kartuschen und Hieroglyphen referiert. Aber all dies kann ich im Zweifelsfall nachlesen und in unzähligen Dokumentationen nachschauen. Was aber keines dieser Medien ermöglicht, ist das selbst Erleben, die Erfahrung mit möglichst vielen Sinnen, das Aufnehmen von Atmosphäre.
Keine sachliche Beschreibung kann übermitteln, was auch ich jetzt hier nur schreibe: Bis zu 24 Meter hohe Säulen, nebeneinader, in vielen Reihen, in einem Raum. Das kann man nur erfahren, wenigstens für einen Augenblick. Dafür braucht man Zeit und die war in meinen Augen viel zu kurz. Gerade, weil es manchmal etwas länger dauert, bis man jeden anderen Besucher, der zur selben Zeit wie ich hier ist, auszublenden vermag. Wenn es dann aber gelingt, ist es zumindest für mich ein erhabenes Gefühlt.
Ich suche die diagonalen Blickachsen, welche die Abstände der Säulen zueinander noch geringer erscheinen lassen. Manchmal ist wirklich kein Mensch in diesen Achsen zu sehen. Dann fühle ich mich allein und warte, ob der Hohepriester hier entlang läuft, nur begleitet von einem seiner Diener. Selbst sehe ich den Hohepriester heute nicht, wohl aber das ein oder andere mal sein weibliches Pendant aus unserer Zeit: Hohepriesterinnen aus TikTok oder Weibo, immer begleitet von einem männlichen Diener. Bleiglanz der Antike ist ersetzt durch viel MakeUp, der Goldschmuck durch allerlei Tand, das blau-goldene Nemes-Kopftuch aus Leinen durch eine übergroße Sonnenbrille. Die Hohepriesterin trägt keine Insignien der Macht, ihr Diener jedoch eine moderne, große Kamera. Benutzt wird dieses kaum, anstelle dieser ein Smartphone. In unendlicher Anzahl von Szenen wird der Hohepriesterin gehuldigt. Sie verbirgt das Gesicht hinter der Sonnenbrille. Die sogleich hochgeladenen Bildergebnisse sind genauso plakativ wie die Reliefs auf den Säulen, Seele haben die Bilder nicht, der Blick darauf wird durch schwarzes Glas verhindert. Ästhetik ist Mode, verändert sich mit der Zeit, hier verschwindet sie, verschwindet in der Menge der immer gleichen Posen, die Hohepriesterinnen sind zahlreich und austauschbar. Vielleicht bin ich mit dieser Beobachtung aber allein.
Nichts desto trotz war es wieder ein Erlebnis hier gewesen zu sein – unter 134 riesigen Säulen. Jetzt, wo ich auch die Pyramiden kenne, bleibt es mein ägyptisches Highlight.
