In Vorbereitung unserer Reise waren wir uns ziemlich sicher, dass wir uns Abu Simbel nach 2010 nicht noch ein zweites Mal antun würden. Aber schon unser erster Tag in Kairo und die ersten Gespräche mit schon dort Gewesenen und ihre Schwärmereien ließen dann so langsam bei uns die Entscheidung reifen, dass wir es doch ein zweites Mal auf uns nehmen würden, 280 Kilometer durch die Wüste zu rasen um zwei Tempel anzuschauen, jenen für Ramses II. und jenen für seine Lieblingsfrau Nefertari.
Also stehen wir heute morgen wieder einmal halb vier auf, setzen uns zur vollen Stunde in den Bus, warten am Gate nach Süden bis dieses 5:00 Uhr öffnet, damit dann das Rennen nach Abu Simbel beginnen kann. Vor 16 Jahren fuhren wir im Konvoi mit unzähligen anderen Reisebussen, vorn, hinten und in der Mitte eskortiert von Militär. Dies hatte zur Folge, dass alle Touristen zur selben Zeit die Tempel von Abu Simbel erreichten. Die Kolossalität empfanden wir schon damals und erinnern uns auch noch daran, trotzdem erreichte Abu Simbel nie unsere Herzen. Wir wussten nicht warum, schoben es jahrelang auf den Umstand, dass es eben nicht der originale Standort ist, sondern die ganze Anlage 65 Meter nach oben versetzt wurde, weil das Wasser des aufgestauten Nils sonst alles für immer verschlungen hätte. Erst heute werden wir erkennen, was uns damals verwehrt wurde.
Einen Militärkonvoi gibt es heute nicht mehr, trotzdem ist mehr als ein Bus unterwegs. Nach knapp 150 Kilometern, also reichlich der Hälfte der Strecke, bestünde die Möglichkeit einer Pause. Wir alle lehnen einstimmig ab und fahren weiter. Das bringt uns augenblicklich vor eine ungezählte Menge an Bussen, deren Ladung sich vor den wenigen Toiletten staut. Den Ort Abu Simbel erkennen wir kaum wieder. Aus dem Dorf, was wir 2010 noch kannten, ist heue eine Stadt geworden, die letzte größere Siedlung vor der sudanesischen Grenze. Als wir den Museumskomplex erreichen, sinkt meine Stimmung, als ich die Menge der schon anwesenden Busse taxiere. Unser Ismail macht Druck, alles soll schnell gehen. Die inhaltliche Einführung hat er im Bus gemacht, um uns möglichst viel Zeit im Tempel zu ermöglichen. Den Weg um den Tempelhügel kürzen wir ab. Wir laufen darüber, das ist verboten, der Zweck heiligt heute unsere Mittel. Als wir die 20 Meter hohen Wächterstatuen am Eingang das erste Mal erblicken, hören wir um uns herum verschiedene Ausdrücke des Erstaunens. Von uns kommen sie nicht, wir waren schon hier, fast ein bisschen schade. Durch Ismails Antreiben sind wir tatsächlich vor vielen anderen Besuchern da. Eindringlich sagt er uns noch: „Bleibt nicht voller Erstaunen vor dem Tempel stehen, das könnt ihr später machen, geht zuerst hinein!“
Genau das machen wir. Und jetzt überwältigen mich die Wandzeichnungen so, wie es vor 16 Jahren nicht passiert war. Es sind nicht, wie in anderen Tempeln, statische Figuren und Symbole, hier sind es Szenen, sie wirken wie bewegte Bilder. Ich habe das Gefühl, die dargestellten Schlachtszenen sind nur kurz unterbrochen, um auf mich zu warten, damit sie sogleich weiter toben und das nur, damit ich sie erleben kann. Und jetzt wird mir der Grund klar, warum dies erst heute mit mir passiert. Vor 16 Jahren konnten die Schlachten nicht toben, es war zu heiß, fast 30° Unterschied zu heute. Im Tempel war es viel zu voll, wir schoben uns wie die Heringe an den Wänden vorbei, oder wurden geschoben; tropfend vor Schweiß. Wir sahen die Figuren und Gravuren, wir sahen nicht die Bilder, erst Recht nicht, wie diese sich diese scheinbar bewegten. Somit haben wir alles richtig gemacht, noch einmal hierher zu kommen. Jetzt haben wir Johann Ludwig Burckhardt etwas voraus. Er entdeckte Petra, er entdeckte Abu Simbel – wir jeweils auch. In Ramses’ Tempel und jenem der Nefertari sind wir sogar zum zweiten Mal. Viele können das wohl nicht von sich behaupten. Das ist kein Wert an sich, trotzdem sind wir froh über diese, unsere Entscheidung. Sicherlich kann man hinterfragen, ob es sinnvoll ist, knapp 300km durch die Wüste zur rasen, um dann eine Stunde durch zwei Tempel zu gehen, nur um dann die gleiche Strecke wieder zurückzufahren. Folgten wir dieser Überlegung, stellte das die gesamte Reise in Frage, alle anderen Reisen ebenso.
Egal, zu welchem Ergebnis diese Überlegungen führen würden, müssen wir die knapp 300 Kilometer wieder zurück. Ungefähr auf halber Strecke gibt es einen Schlag auf der rechten Seite der Hinterachse. Eine erste Begutachtung von außen lässt nichts erkennen, es war wohl nur ein Stein. Wenige Meter später finden wir das Problem auf dem inneren Zwillingsrad: einen Platten. Die beiden Busfahrer wollen das Rad wechseln, scheitern aber beim Herablassen des Ersatzrades, weil dieses falsch montiert ist. Sie kommen zu dem Schluss, man könnte langsam weiterfahren, es wären schließlich Zwillingsräder. Einigen ist etwas unwohl dabei, keiner artikuliert es aber laut. Ich schaue noch einmal genauer unter den Bus und auf den defekten Reifen. Ich sehe ein etwa ellenlanges Loch in der Lauffläche und ein paar gerissene Stahlgurte. Jetzt sage ich laut „Nein“ und bestehe darauf, dass dieser Reifen runter muss. Nicht auszudenken, wenn diese Stahlarmierungen in den funktionierenden Reifen durchschlagen. Ich glaube, die anderen sind mir dankbar.
Vorerst löst es aber nicht das Problem. Unser Ersatzrad bekommen die Fahrer nicht aus der Befestigung. Wir halten andere Busse ähnlicher Bauart an, in der Hoffnung, dass diese ein passendes Ersatzrad hätten. Schon der zweite Versuch ist erfolgreich. An Hilfsbereitschaft mangelt es auf der Rennstrecke zwischen Abu Simbel und Assuan nicht, viele halten an und bieten ihre Hilfe an. Nach einer knappen Stunde ist das Rad gewechselt, das geborgte Rad ist nur etwas schmaler, ansonsten passt alles. Die Rückreise geht, wenn auch etwas langsamer, weiter. Schon längst sind alle nicht Mitgereisten dank WhatsApp im Bilde. Wir sind zwar die jüngsten Mitreisenden in unserer Gruppe, offenbar aber die einzigen ohne Metas Datenkrake.
Inzwischen ist es heiß geworden und der lange Trip fordert erste Opfer. Von Kreislaufbeschwerden bis Reiseübelkeit ist alles dabei. Auch das Heer des Pharao wütet weiter. Nicht mehr bei uns, die Schlachten toben jetzt bei anderen. Mit viel Verspätung erreichen wir Assuan. Wir haben schon gefühlt einen guten Urlaubstag hinter uns. Das Nachmittagsprogramm liegt noch vor uns. Die Teilnehmerschar ist jetzt ausgedünnt, wird aber aufgefüllt mit Abu-Simbel-Verweigerern.
