Der Tag beginnt ruhig. Zeitig aufgestanden sind wir trotzdem. Der erste Höhepunkt ist die Schleusung unserer Dahabeya in Esna. Das ist für die Mannschaft gar nicht so einfach, da das Schiff keinen eigenen Antrieb hat und immer vom Schlepper in die passende Richtung gezogen oder geschoben werden kann. Die Mannschaft macht das routiniert, dass das Schiff im Wochentakt durchgeschleust wird, merken wir.
Inzwischen wird das Frühstück serviert. Dann habe wir viel Zeit für Gespräche, für Nichtstun oder was auch immer. Der erste wirkliche Programmpunkt des Tages ist der Horus-Tempel in Edfu. Kurz bevor wir anlegen, zwingt mich eine Rebellion meiner einzelligen Mitreisenden zum Bleiben. In Scharen desertieren sie, und das, obwohl ich das Heer schon seit einigen Tagen vor dem Urlaub mit Söldnern unterstütze. Mich überfällt spontane Appetitlosigkeit und Schlaffheit, in mir tobt eine Schlacht. Den Ausflug zum Tempel spare ich mir vorsichtshalber. Ich wurde nicht als erster mit dem Fluch des Pharaos belegt, Eva hat einen halben Tag Vorsprung. Ihr geht es schon wieder hinreichend gut, andere werden noch folgen.
Ich bleibe allein mit der Crew zurück. Da die Besatzung immer so unauffällig agiert und unsichtbar wird, gehört das Schiff quasi mir. Ich lege mich auf Deck hin und schlafe schnell ein. Ein wirrer Traum begleitet mich. Ich träume Versatzstücke aus Agatha Christies Tod auf dem Nil. Im Roman löst sich ein Felsbrocken bei der Besichtigung des Temples von Abu Simbel, in meinem Traum ist es der Horustempel von Edfu. Ich hoffe, Eva wird nicht von herabstürzenden Steinen getroffen…
Unterstützt durch den Einsatz allerlei chemischer Kampfstoffe gewinnt mein Heer die erste Schlacht. Die Armee des Pharaos ist einstweilen besiegt, ob die Schlacht vernichtend war, werden die nächsten Tage zeigen. Als ich munter werde, kommen die anderen vom Ausflug zurück. Kein Stein hat sich im Horus-Tempel gelöst. Mein Fernbleiben kann ich verschmerzen, schließlich hatte ich das Privileg, diesen Tempel zu besichtigen, schon vor 16 Jahren.
Unser Schiff wird inzwischen weiter flussaufwärts gezogen. Am Abend legen wir an einer Insel an. Gegessen wird heute an Land. Dazu gibt es Kulturprogramm in Form von Musik und Tanz. Unser mitreisender Schlagzeuger Stephan ist sehr schnell wieder in seinem Element und zum wiederholten Mal staunen die Einheimischen darüber, dass er die Darbouka spielen kann. Alle anderen werden von der Besatzung vereinnahmt und förmlich zum Tanzen gezwungen. Das ist eigentlich nicht unbedingt das, was wir im Urlaub wollen, macht aber trotzdem irgendwie Spaß, bei mir noch mit gewissen Einschränkungen. Einer unserer Mitreisenden feierte am vorausgegangenen Wochenende Geburtstag. Auch das weiß die Crew und erscheint mit einer Torte, verbunden mit einem Ständchen mit „Happy Birthday“ in arabisch, klingt irgendwie surreal.
