Jetzt sitzen wir seit 4:15 Uhr auf dem Flughafen und können zusehen, wie unser Flug nach Luxor immer weiter nach hinten verschoben wird. Der Plan war, gegen halb acht in Luxor zu landen und dann auf unserem Segelboot zu frühstücken. Das wird nun nichts werden. Der Grund ist wieder einmal der Sand. Dabei dachten wir, nur eine Kurzgeschichte in vier Teilen zu schreiben und keinen Epos.
Inzwischen haben wir am Smartphone eingecheckt. Der Option, wieder am Notausgang zu sitzen, konnten wir nicht widerstehen. Das hat uns 3,50€ gekostet🙂. Vielleicht nutze ich die Zeit, und resümiere mal das bisher Erlebte. Das obige arabische Sprichwort lässt sich recht gut mit dem verbinden, was die letzte Woche so passierte. Wir vertrauten auf Gott, auf ihn selbst und auf alle, von denen wir abhängig waren, verbunden mit der Hoffnung, dass er auch sie leiten möge. Was wir versäumten, war das Anbinden unserer Kamele. Nichts hatten wir selbst organisiert, sind vollständig abhängig von anderen. Wir sind guter Dinge für das, was noch vor uns liegt. Jetzt beginnt Evas Reiseteil. Es ist nicht unsere erste Nilpassage, an die letzte haben wir gute Erinnerungen und es gibt für uns jetzt keinen Grund, für die kommende Woche daran zu zweifeln.
Für den ersten Teil der Reise, das war eher mein Wunsch, würde ich zusammenfassen, dass ich das nächste Mal mein Kamel anbinden würde. Ein nächstes Mal wird es aber sicher nicht geben. Die Teile der Libyschen Wüste, welche wir gesehen haben, sind wunderschön, das ist es nicht. Die geneigte Betrachter:in kann es vielleicht nicht unbedingt nachvollziehen, man muss Wüsten wirklich lieben, und ja, ich tue genau das. Ich oder besser wir haben schon viele besucht: die Namib, die Kalahari, die Westsahara, die Thar, das Große Bassin, die Sonora, die Chihuahua, die Mojave, das Wadi Rum. Alle haben ihre eigenen Reize, die Weiße Wüste hier spielt hinsichtlich ihrer Naturschönheiten wirklich ganz oben mit.
Noch ist es unentdecktes Land, nur wenige Touristen verirren sich hier hin. Wenn ich mir aber ansehe, wie wenig Naturschutz im Fokus der Guides, der Beduinen steht, dann kann ich nur hoffen, dass die Wüste weiter ein Hidden Gem bleibt. Die Guides, so auch „unser“ Walid, haben große Pläne. Ich habe versucht, mit ihm darüber zu sprechen, verstanden hat er mich sicher nicht. Er möchte aber, dass ich mit meinen Fotos für „seine“ Wüste werbe. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich tun sollte. Mehrfach sahen wir konsterniert zu, wie mitten im Nationalpark im Lagerfeuer unser Müll verbrannt wurde. Nicht nur Pappe und Papier, nein Plastiktüten und ähnliches. Unser Entsetzen darüber traf auf totales Unverständnis. Das Gute daran: Zumindest liegt der Plastikmüll nicht in der Wüste herum, sondern wird wenigstens in CO2 gewandelt. Die Giftstoffe lassen wir mal außen vor. Im gleichen Feuer bereitet er danach einen köstlichen Tee, ein Getränk, wie ihn nur die Berber hinbekommen.
Die Wüste ist noch nahezu müllfrei. Die Anzahl der Besucher, die außer uns noch dort unterwegs waren, passen in drei Fahrzeuge. Das macht das Ganze zu einem exklusiven Erlebnis, auf dass ich rückblickend nicht verzichtet haben will. Aber wie würde das aussehen, wenn hier das Gleiche passieren würde, wie am Roten Meer? Relativ schnell würde ein unbeschreiblich schöner Flecken Sand für immer von der Landkarte verschwinden. So wünsche ich dieser Wüste, dass sie weiterhin vom Massentourismus unentdeckt bleibt und die Träume der Beduinen sich nicht erfüllen mögen. مغفرة – Maghfira Walid! Ich schreibe es in deiner Sprache, ich weiß sonst nicht, ob du mein „sorry“ verstehst.
In der Wüste des Lebens reist der Weise mit der Karawane, während der Narr es vorzieht, allein zu reisen.
Dieses arabisches Sprichwort haben wir, die fast überall allein reisen, hier beherzigt. Wir wussten es im Vorfeld nicht mit Sicherheit, sind aber fest davon ausgegangen, dass wir nicht ganz allein in der Wüste unterwegs sein würden. Unsere beiden Mitreisenden Alessandra und Stephan trafen wir kurz vor Abfahrt im Hotel in Gizeh. Wir verstanden uns auf Anhieb. Viereinhalb Stunden später war es fast so, als würden wir uns schon lang kennen. Walid war völlig erstaunt, als er mitbekam, dass wir uns gerade erst kennengelernt hatten. Diese Erfahrung in unserer kleinen Karawane war wirklich etwas Neues für uns. Es ist wirklich schön, gewonnene Eindrücke sofort teilen zu können, unter anderem auch, weil nicht nur ich immer wieder derjenige war, auf den gewartet werden musste, sondern dieses Mal eine weitere Fotografie-Interessierte ständig und überall noch eine Bildidee umzusetzen versuchte.
Das ein oder andere Mal belustigte uns Walid, wenn er uns sagte, dass er „very tired“ ist. So ein Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ist für einen Ägypter viel zu lang!😉 Was sollten wir mit unserem Arbeitsalltag machen? Auch heute morgen in Kairo fiel unser Guide aus allen Wolken, als er erfuhr, dass wir erst kurz vor Mitternacht ins Bett gegangen waren. Als wir ihm dann von unserem Arbeitsalltag berichteten, wollte er es nicht wirklich glauben. Es ist ein andere Welt. Hier wird die Arbeit von einer/m auf viele verteilt. Klar, dass dann jeder Zeit für hervorragenden Tee hat – das können sie wirklich.
Gastfreundschaft kann man in der Wüste wirklich finden, aber immer sieht man, dass nebenbei irgendwelche Geschäft laufen. Dabei beschleicht uns häufig das Gefühl, dass wir zumindest marginal das Objekt des Handels sind. Das ist irgendwie unangenehm. Völlig unverständlich ist den Berbern, dass es für uns wirklich schwer ist, irgendwo zwei Stunden herumzusitzen und nichts zu tun. Sie meinen es bestimmt nicht böse, wenn sie uns irgendwo „abstellen“, um dann selbst ersteinmal nichts zu tun. Für uns ist das anstrengend. Hätten wir unser eigenes Kamel angebunden, wäre dies für uns besser ertragbar.
Vergleiche mit anderen von uns besuchten arabischen Ländern drängen sich auf: Jordanien? Marokko? Dort erscheinen uns die Menschen, mit denen wir in Kontakt kamen, geschäftstüchtiger, weniger lethargisch. Es ist eine Projektion der ganzen Gesellschaft, welche man in jedem Einzelnen sehen kann. Ägypten ist kein schlafender Riese, Ägypten ist ein riesiges Knäuel langer Fäden, nichts was man leicht entwirren könnte. Die letzte Dynastie, welche Ordnung zu sichern schien, wurde noch von den Römern besiegt.
Unsere Lust, noch das ein oder andere arabische Land zu besuchen, hat die bisherige Reise nicht gemindert. Im Gegenteil, wir verspüren durchaus Lust, das hier Erlebte bspw. in Marokko noch einmal zu verifizieren, oder das Thema „Oman“ zu intensivieren – mir schwebt da ein Dachzelt vor, auf einem Fahrzeug montiert, mit welchen wir die Rub al-Chali queren, um dann an den Ufern des Indischen Ozeans zu nächtigen, kurz bevor wir hoch in die Berge des Hadschar-Gebirges fahren…
Vorerst sind wir aber noch in Kairo, immer noch auf dem Flughafen, jetzt schon seit über sieben Stunden. Gleich scheint es los zu gehen. Loriot hat hier einen seiner letzten Sketche zur Aufführung gebracht. Gepäckaufgabe und Security sind ein Schauspiel schlechthin, noch besser wird die Suche nach dem Gate. Wir wechseln dieses jetzt schon zum wiederholten Mal, immer zusammen mit etwa 180 anderen Reisenden. Wir bilden schon eine multinationale Leidensgemeinschaft, die kurz vor der Explosion steht.
Erst hier in der arabischen Megacity merkten wir, was wir an unserem Walid in der Wüste hatten. Unser Guide in der Hauptstand ist keinesfalls unfreundlich, nein, das bestimmt nicht. Er ist das, was man hier wohl als „Geschäftsmann“ versteht. Auch dazu fällt mir ein arabisches Sprichwort ein:
Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter.
Alessandra würde sagen:
Er verspricht alles, und am Ende passiert nichts.
PS: Einige der Bilder und das Video habe ich mit KI erzeugt. Ich hatte auf dem Flughafen viel Zeit.
