Der Nebel der Nacht hat sich gelichtet, wir erwachen mit strahlendem Sonnenschein unter blauem Himmel. Die Seeschlacht scheint vorüber, die Britten haben gewonnen, Napoleons Pläne einer Seemacht auf allen Meeren sind vereitelt, die Übermacht der spanischen Armada ist gebrochen, die Schiffe der englischen Krone beherrschen für die nächsten weit mehr als 100 Jahre die Ozeane. Admiral Nelson jedoch ist tot, er war einer der wenigen Opfer der Royal Navy, wenige Opfer verglichen mit jener Anzahl, die auf gegnerischer Seite unter den Spaniern und Franzosen zu beklagen waren. Wer sich schon immer fragte, wo die die Schlacht von Trafalgar stattfand, bekommt jetzt die Antwort: Wenige Seemeilen südlich von Cádiz.
Die ewige Insel des Lichtes hat schon viel gesehen. Schon die Phönizier siedelten hier, später die Karthager, nach ihnen die Römer. Gegründet wurde die Stadt von Herkules, das erzählt zumindest die Legende und darauf beruft sich noch heute das Stadtwappen mit der Inschrift „Hercules Fundator Gadium Dominatorque“ (Herkules, Gründer und Herrscher von Cádiz). Egal, ob dies stimmt oder nicht, das Alter der Stadt ist unumstritten, es ist eine der ältesten Städte Europas. Die Wölfin, welche Remus und Romulus säugen wird, würde erst 400 Jahre später geboren, an der Meerenge zwischen Europa und Asien siedeln die ersten Griechen ein halbes Jahrtausend später. Mir fällt in Europa nur eine Stadt ein, die älter ist, das thrakische Pulpudeva.1 Aber mit diesem kurzen Geschichtsexkurs höre ich jetzt auf, obwohl wir natürlich auch auf dieser Reise versuchen, ein bisschen das zu vermitteln, was uns so unterwegs interessiert.
Viel wichtiger sind die basalen Dinge, wir haben am Morgen Hunger und brauchen ein Frühstück. Das könnten wir in unserer Wohnung auch selbst zubereiten, damit wollen wir aber nicht mehr anfangen, außerdem gibt es überall so nette Lokale, die desayuno anbieten, da wäre es gerade zu sträflich, diese nicht auszuprobieren. Deshalb nutzen wir die Terrasse heute morgen nur für den Ausblick, das Frühstück gibt es in den engen Gassen der Stadt.
Der Tag heute war vor geraumer Zeit von uns so geplant, dass wir heute in der Meerenge zwischen Europa und Afrika Wale beobachten könnten. Die Wale sind auch da, jedoch eignet sich das Wetter eher nicht dafür. Das meinen vor allem die Touranbieter, welche heute keine Boote fahren lassen werden. Aber an der Meerenge gibt es ja noch mehr zu sehen. Unser nächstes Ziel ist der einsame Kalksteinfelsen im Meer, vor 25.000 Jahren der letzte Rückzugsort der Neandertaler, eine der zwei Säulen des Herakles, ignoriert von Phöniziern, Römern und Goten und erst von Tāriq ibn Ziyād als strategisch wertvoll erkannt, bevor dieser am Río Guadalete das Heer des Westgotenkönigs Roderich besiegte und damit das dunkle Zeitalter zumindest hier im Süden Europas beendete und die Blütezeit von Al-Andalus begann, einem Teil Hispanias, ein durch Berber und Mauren geprägtes Reich der islamischen Expansion, das Kultur und Wissenschaft hervorbrachte, die um Größenordnungen moderner und fortschrittlicher war als alles was es sonst noch in Europa gab. Aber ich schweife ab, heute geht es nur um den Berg des Tarik, arabisch Dschabal Ṭāriq, in der spanischen Phonetik dann verwässert zu Gibraltar. 1713 mussten es die Spanier im Frieden von Utrecht endgültig an das Vereinigte Königreich abtreten und wenn wir der Legende glauben, wird das so bleiben, zumindest solange die Affen den Felsen nicht verlassen. Winston Churchill ordnete deshalb an, den Bestand wieder aufzustocken, nachdem dieser während des Zweiten Weltkriegs stark zurückgegangen war. Wir werden dann heute nachsehen, wem Gibraltar tatsächlich gehört.
Es ist zwar nicht notwendig, hier einen Reisepass zu besitzen, um nach Gibraltar einzureisen, aber es geht schneller. Wir können beim Eintritt die Fast Lane nutzen. Kurz danach die Ernüchterung: Die Cable Car ist außer Betrieb, sie wird umgebaut. Nun stellt sich die Frage, wie wir zu den Affen kommen. Die 5stündige Rundwanderung wäre vielleicht noch etwas für mich, aber auch nur widerwillig. Unsere erste Idee ist die Anmietung von vier E-Bikes, vorerst verschieben wir die Entscheidung aber. Unser letzter Besuch hier liegt vierzehn Jahre zurück, ein bisschen was hat sich verändert. War es damals noch notwendig selbst über das Flugfeld zu laufen, fährt jetzt eine Buslinie durch einen Tunnel unter der Startbahn. Der Platz ist im Vergleich zu damals noch einmal deutlich weniger geworden, das legen die vielen Hochhäuser nahe. Später sprechen wir mit einem Llanito, wie die Einwohner genannt werden, der uns unseren Eindruck bestätigt.
Mit dem Bus im Zentrum angekommen, schlendern wir durch die historische Altstadt und laufen einem Anbieter für eine „Rock Tour“ in die Arme. Die Kosten sind niedriger als für die Bikes, teuer ist es trotzdem. Aber so bekommen wir in zwei Stunden das komplette Touriprogramm mit der Säule des Herakles, Michaels Cave und dem Skywalk oben auf dem Felsen. Das Wetter wird jede Minute besser, dank stellenweise blauem Himmel leuchten auch die beiden Meere, oder wie Eva sich ausdrücken würde: das eine richtige Meer und das Meerchen, in der gleichen Farbe wie der Himmel, zumindest wenn wir Wasser sehen, denn eigentlich ist es zwischen den vielen Schiffen fast unsichtbar. Unseren beiden jungen Mitreisenden machen wir immer wieder klar, dass die Küste auf der anderen Seite des Wassers ein anderer Kontinent ist – wir sehen Afrika. Auch für uns, die schon mehr als einmal auf diesem Kontinent unterwegs waren, ist es immer wieder faszinierend, das so zu sehen.
Ich glaube aber, am meisten sind die beiden von den Affen angetan. Es sind 250 Tiere in 7 Familienclans, verglichen mit früher finden wir die Affen weniger aggressiv. Wir hatten ja ein paar Warnungen an die Mitreisenden ausgesprochen bzgl. der Primaten. Das wäre für dieses Mal nicht nötig gewesen.
Nach knapp zwei Stunden setzt uns unser Guide wieder im Zentrum Gibraltars ab. Wir konnten feststellen, dass der Ausfall der Cable Car eine gute Fügung war, so haben wir viel mehr gesehen. Reinhard Mey hätte vermutlich dazu gesungen: „Danke liebe gute Fee“. Jetzt galt es noch eine Challenge wahrzunehmen. Einmal schlecht essen, schließlich sind wie gerade in Großbritannien. Wir wählen Fish’n’Chips, inzwischen ist Schottland für uns lang genug vorbei und wir können das wieder essen.
Danach begeben wir uns wieder zurück in die Europäische Union und damit auch in ein Land, wo es wieder gutes Essen gibt. Unser Ziel für heute ist Tarifa, der südlichste Punkt Europas, Afrika ist dort nur eine Armlänge entfernt. Wir haben Glück, das Wetter wurde heute Stunde um Stunde besser, jetzt haben wir sogar noch orangene und magentafarbige Wolken am Himmel.
- Die geneigte Leser:in weiß natürlich, um welche Stadt es sich handelt? ↩︎
