Keine Angst, wir fahren heute zwar in die Libysche Wüste, dem Staat Libyen bleiben wir aber fern. Die Libysche Wüste ist im Grunde genommen die gesamte Sahara in Ägypten westlich des Nils.

Ich wollte in einen speziellen Teil davon schon immer mal, weil ich Bilder von dort kannte. Lange war es ein ziemliches Wagnis, teilweise mit unbestimmter Rückkehr, inzwischen ist es aber ein National Park und touristischer Hotspot, auch wenn dieser bestimmt noch in Entwicklung ist und mit Sicherheit nicht mit seinen nordamerikanischenVettern vergleichbar sein wird.

8:30 Uhr wollen wir in Gizeh starten, dass hatte uns zumindest Sayed, unser Ansprechpartner in Kairo, gesagt. Wir sind pünktlich. Aber jetzt wird die Zeit wieder einmal gedehnt…

…eine Stunde später geht es los. Mit unseren beiden „neuen“ Mitreisenden Alessandra und Stephan haben wir uns inzwischen bekannt gemacht. Das Auto ist für vier Reisende inkl. Gepäck und Fahrer eher etwas knapp bemessen. Viereinhalb Stunden später sind wir wohlbehalten in der Oase Bahariyya angekommen. Ein Auge hatten wir dabei immer auf den Fahrer, um wenigstens feststellen zu können, wann oder ob er schläft. Am Fahrstil ist dies nicht zu bemerken. Weiße Linien auf den überbreiten, mindestens dreispurigen Straßen werden prinzipiell zwischen die Räder genommen, Gegenverkehr wird hauptsächlich mittels Hupe sowohl optisch als auch akustisch vertrieben. Ob wir diesen rechts oder links passieren, ist eine Momententscheidung. Zwei solcher dreispurigen Fahrbahnen laufen teilweise parallel, uns erschließt sich nicht, nach welchen Gesichtspunkten unser Fahrer entscheidet, welche er nimmt. Solch eine einfache Regel wie zu Hause – immer rechts, links ist der Gegenverkehr – gibt es nicht. Als ich mir einmal sicher bin, dass wir als Geisterfahrer unterwegs sind, passieren wir ein Polizeifahrzeug. Dieses nimmt keinerlei Notiz von unserer Fahrweise. Aha, waren doch die anderen die Falschfahrer? Ich werde es nicht durchschauen.

Aus dem Auto heraus könnte ich Fotos machen, ähnlich wie Rhein II von Gursky, hier aber ohne Wasser, dafür mit Sand. Unterbrochen wird der Anblick nur von Ansammlungen von Müll. 450 Kilometer später, das erste Drittel davon sahen noch Kairos Vororte am Horizont, sind wir da und beziehen unsere Unterkunft. Es ist kein Steigenberger Hotel wie in Gizeh, brauchen wir auch nicht. Es gibt Betten, WC und Dusche. Das ist schon ziemlich viel für die Wüste. Wir bleiben die einzigen Gäste heute Nacht. 

Inzwischen ist Walid, unser Guide für unsere Zeit in der Wüste, aufgetaucht. Er muss erst einmal frühstücken – klar, das ist wichtig so früh am Morgen, ist es doch erst kurz vor 15:00 Uhr 😉 Aber er teilt mit uns, die Datteln finde zumindest ich wirklich lecker. Evas Ding sind die Palmenfrüchte nicht, das wird sich wohl auch nicht mehr ändern.

Dann fragt er uns, auf was wir heute noch Lust hätten, auf den Palmenhain oder das „English House“, wobei letzteres seine Präferenz wäre. Also entscheiden wir uns auch dafür, die Wanderung geht gleich hinter unserem Bett los –  steil nach oben. Vorsichtshalber fragen wir nach, ob das die ganze Zeit so ginge oder ob der Weg besser werden würde. Mir wäre das egal, aber wir müssen auch immer an Evas Knie denken. Er versichert uns, so steil würde es nirgends mehr sein. Er behält recht: Es wird bald steiler.

Aber vorerst geht’s auf dem Hügel entlang, immer mit Blick in die Oase. Am Horizont taucht so langsam eine Formation auf, welche das „English House“ zu sein scheint. Wir überblicken von hier die Wüste zwischen dem Nil und dem Atlantik, zumindest gefühlt. Inzwischen sind wir mehr als eine Stunde unterwegs, die Sonne brennt. Mit der Himmelsrichtung ändern sich die Farben der Wüste. Wir fragen Walid: Wie kommen wir zurück? Den gleichen Weg? Nein, wir gehen jetzt den Hang herunter und nehmen ein Tuk-Tuk. Den Hang herunter? Eva ist begeistert ;=(

So langsam rückt Walid mit der Sprache raus. Er hat das noch nie gemacht, zu Fuß hierher zu gegen, bisher war er immer mit dem 4×4 hier, heute wollte er mal was anderes machen. Na prima!

Wir laufen bis zur Straße. Unterwegs leuchten die Steine in der nun tiefer stehenden Sonne. An einer – nennen wir es „Gemeinschaftsküche“ –  will Walid einen Tee für uns kochen. Es scheitert am Feuerzeug. Im Hof gegenüber überredet Walid einen Tuk-Tuk-Besitzer zu einer Sonderfahrt. Die beiden Frauen kommen damit bis zum Hotel. Wir laufen indes los. Meinem Schritt können die anderen beiden eher nicht folgen. Sie halten ein Auto an. Im zweiten Versuch klappt das. Mich sammeln sie im Vorbeifahren ein. Wir fahren auf der Ladefläche eines Pickups mit, gut gepolstert mit Gras, welches gerade für die Kühe geschnitten worden war. Das war jetzt ein Kurs in arabischer Spontanität – wenn ich es wohlwollend ausdrücke – oder aber ein Überblick über ägyptische Planlosigkeit.

Wir versprechen dir alles! Und am Ende passiert nichts.

Das ist die überaus präzise Beschreibung Alessandras zur ägyptischen Lebensweise. Am Ende ist alles gut gegangen, die Fahrten im Tuk-Tuk und auf der Ladepritsche waren sogar noch ein bisschen lustig. Evas Knie hat zum Glück kein Veto eingelegt. Wir sind auf Morgen gespannt. Den ausgeschriebenen Reiseplan haben wir im gemeinsamen Einvernehmen über den Haufen geworfen. Walid will uns „seine“ Wüste zeigen. Ich habe ihm geschildert, was meine Erwartung ist, ich kenne schließlich schon lange ein paar Bilder von hier. Er verspricht mir, er verspricht uns … alles!

Jens

Er fotografiert und manchmal schreibt er auch.

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