Um 10:00 Uhr, oder exakter 10 Minuten danach, startet unsere „Heimreise“ nach Kairo. Unser Fahrer entpuppt sich als unkommunikativer Muffel und erfüllt so alle Klischees, die man landläufig mit einem jungen arabischen Mann in Verbindung bringt. Das Auto ist irgendwie auch eine Nummer zu klein für unser Gepäck und uns. Naja, irgendwie wird’s schon gehen.

Was aber als nächstes passiert, haben wir so auch noch nicht erlebt. Mit dem Inhalt einer ganzen Flasche Spülmittel wird das Auto eingeschmiert. Wasser? Fehlanzeige, das bleibt einfach so.

Willst du viel, spül mit Pril

Das ist das einzige, was mir dazu einfällt. Eine zweite Flasche Spülmittel landet noch in der Mittelkonsole. Mit zunehmender Fahrdauer entwickeln wir so langsam eine Idee, wofür das gut sein soll: Es entwickelt sich ein veritabler Wind. Wind nennen wir es, damit wir nicht Sturm sagen müssen. Der Zustand der Straße erinnert uns an isländische Verhältnisse, nur dass dort kein Sand die Straße verweht, sondern Schnee. Dort stehen jedoch schöne gelbe Baken um die Straße noch zu erkennen. Solche gibt es hier nicht. Das alles hält unseren Fahrer aber nicht davon ab, ständig am Telefon zu hängen und eher selten nach vorn zu schauen. Ich jedenfalls starre wie gebannt abwechselnd auf die Straße oder über den Spiegel in seine Augen um sicher zu sein, dass er nicht einschläft. Selbstfahren wäre mir deutlich lieber.

Nach der Hälfte der Strecke wird die Prozedur mit dem Spülmittel wiederholt. Offenbar soll dies den Lack vor dem Sand schützen. Na ja, ob das bei diesem Fahrzeug noch notwendig ist? Es könnte aber sein, dass der Lack den Rest des Fahrzeugs zusammenhält, dann wiederum wäre die Handlungsweise nachvollziehbar.

Wir sind jedenfalls froh, als wir Kairo erreichen. Von den Pyramiden sehen wir nichts. Der Sand in der Luft beschränkt die Sicht auf wenige Meter. So langsam wird es aber besser. Evas Wetter App verspricht zum Abend ein Ende des Windes. 

Vor dem Hotel wartet schon Sayed. Er hat uns versprochen, mit uns heute Koshary essen zu gehen. Dazu hatte er einen Fahrer geordert, der natürlich auch mit zum Essen kommt. Das von Sayed ausgewählte Koshary-Haus soll das beste der Stadt sein. Glauben wir es mal, lecker war es auf jeden Fall. Auf 5  – in Worten: Fünf – Etagen gibt es nichts anderes als Koshary. Aber selbst diese 5 Etagen reichen nicht immer, manchmal bilden sich lange Schlangen vor dem Gebäude. Die Bestellung ist einfach: Eine Anzahl zu nennen reicht aus. Das gewünschte Gericht kennt der Kellner. Wir bekommen noch eine kleine Einweisung, wie Koshary dann auf dem Teller „zusammengesetzt“ wird.

Wir stellen fest, dass wir zu Hause eigentlich alles richtig machen. Geschmacklich ist es auch nicht so viel anders. Das behalten wir aber für uns, wollen wir doch Sayed nicht brüskieren, der uns „Das beste Koshary Kairos“ präsentiert. Die Nachfrage von uns hinsichtlich Koshary bei unserer Ankunft in Kairo ließ ihn vor ein paar Tagen staunen. Ich glaube, er hat noch keine Deutschen kennengelernt, welche dieses Gericht selbst kochen. Nett ist, dass er uns zum Essen einlädt, auch wenn mich das Gefühl beschleicht, dass ich am Ende den Ausflug dann doch mit dem Fahrer bezahlt habe;) Egal, das ist wirklich kein Vermögen, die Geste macht es und der Ägypter kann sich als großer Gastgeber fühlen.

Kairo ist nicht wirklich eine Stadt, es ist ein Moloch. Ich kann für arabische Metropolen durchaus Sympathie aufbringen. Mir gefällt das auf 12 Hügeln erbaute Amman, mir gefallen die alten Königsstädte am Atlas, um nur einige zu nennen. Aber Kairo? Die größte Metropole der arabischen Welt und die zweitgrößte Stadt Afrikas hat uns bisher noch nicht „fangen“ können, auch nicht, nachdem wir heute eine kleine Rundfahrt durch die Stadt bekamen.

Wir finden noch Zeit, um den Tahrir-Platz zu besuchen, jenen Platz mit seinem fünfspurigen Kreisverkehr auf welchem 2011 in Ägypten der Arabische Frühling begann. Jetzt ist die Zeit, Sayed etwas direkter zu befragen… Nichts sei seit 2011 besser geworden, im Gegenteil. Meine anfängliche Vermutung „Alles auf Anfang?“ war wohl noch viel zu positiv von mir gedacht.

Heute sehen wir viel Militär auf dem Platz. Es ist Freitag, es ist Wochenende. An einem Freitag begannen die Proteste auf dem Tahrir-Platz und davor hat die Regierung immer noch Angst. Sayed würde sich freitags nicht auf den Platz trauen, sagt er uns. Das macht er nur in Begleitung von Ausländern, da dies ihn unverdächtig macht. Wir haben die Rollen getauscht. Nicht unser Guide begleitet uns, nein, wir begleiten ihn. Es sind keine syrischen Verhältnisse, aber optimistisch klingt das alles nicht wirklich.

Ich wische Sand aus meinen Augen, nicht vom Sandsturm, sondern jenen, der eine klarere Sicht auf die Welt gelegentlich zu behindern scheint. 

Jens

Er fotografiert und manchmal schreibt er auch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert