Für heute hatten wir 14.00 Uhr ein Termin im Louvre. Dies hatte Eva sicherheitshalber schon zu Hause getan um ein Anstehen zu vermeiden. Jetzt wollten wir davor noch etwas für den „Rest“ von Paris planen. Das ist gar nicht so einfach angesichts der Temperaturen, die wir an uns nicht mehr nur erhöhte Temperatur nennen würden, sondern Fieber.
Da wir mitten in der Stadt wohnen, bietet sich für unseren Transport die Metro an, die quasi vor unserer Tür, oder besser unter unserer Tür, hält und uns bis nach La Defénse bringen könnte. Die größte europäische „Bürostadt“ kannte ich nicht, bis Eva sie mir im Sommer 1994 zeigte und ich fand die moderne Architektur rund um den riesigen dritten Triumphbogen, der in einer Linie mit den beiden anderen steht, sehr imposant. 32 Jahre später würde mich nun interessieren, ob das Ensemble besser oder schlechter als wir gealtert ist…
Der Metro entstiegen und nach oben geschaut sieht der La Grande Arche immer noch genauso imposant aus, wie ich diesen in Erinnerung habe. Eigentlich wollen wir mit den Aufzügen nach oben fahren um von der Dachterasse einen Blick über die Axe historique und die ganze Stadt zu werfen. 1994 war uns das viel zu teuer. Besser wäre es gewesen, wir hätten es trotzdem damals gemacht, als das Gebäude noch keine 5 Jahre alt war. Die Glasaufzüge sind seit 2014 wegen technischer Probleme außer Betrieb und blieben es auch nachdem das ganze Bauwerk zwischen 2014 und 2017 mehr oder weniger komplett saniert wurde, weil die gleißend weißen Platten aus Carraramarmor den ständigen Temperaturunterschieden nicht gewachsen waren und sich verformten. Inzwischen sind diese durch weißen Granit ersetzt und durch eine spezielle Oberflächenbehandlung dem ursprünglichen Aussehen angepasst. Man könnte also schreiben: Der Granit ist lackiert. Seit der Covid-Pandemie ist die Dachterrasse gänzlich geschlossen und bleibt es auch. Die Ausstellungsräume wurden zu Büros umfunktioniert. Bei unserem Gang durch die „Katakomben“ des Bauwerks kommt uns alles auch etwas „abgenutzt“ vor. Bei alten historischen Baumwerken hätte ich wohlwollend „morbide“ geschrieben, um es positiv auszudrücken, heute fällt mir dafür kein geeignetes Adjektiv ein. So steigen wir über die große weiße Treppe, die keine Marmortreppe mehr ist, Richtung „Stadt“ nach unten und können nur den Kopf darüber schütteln, was sich die Architekten in den 1960er bis in 1980er Jahre Jahre gedacht hatten: riesige versiegelte Betonflächen, die bei 38°C so gar nichts zu einem angenehmeren Klima beitragen. Betrachtet man das Alter von La Defénse, die Planungen begannen 1955, könnte auf der breiten „Hauptstraße“ heute schon ein „Wald“ entstanden sein.
Die Bürostadt an sich ist dabei kein bissschen „alt“, im Gegenteil, sie ist gemäß ihres Bestimmungszwecks gut genutzt. So ziemlich jedes Unternehmen, was Rang und Namen hat, ist hier präsent. Lebendigkeit im Sinne einer richtigen Stadt sähe aber anders aus.
Wir entfliehen der Beton- und Glaswüste und wollen uns einen Ort suchen, der etwas Grün haben könnte. Auf dem Weg Richtung Louvre vermuten wir dies auf dem Marsfeld. Damit wir das gut finden, hat Gustav Eiffel 1898 extra einen 330 Meter hohen Mast in die Mitte gebaut. Und ja, hier unter vielen Bäumen ist es deutlich angenehmer bei den hohen Temperaturen. Wir wundern uns über die vielen fliegenden Händler, die hier allerlei Tand anbieten und können live erleben, wie diese Händler in wenigen Sekunden ihre Auslagen schultern und vor der anrückenden Polizei flüchten. Die Polizisten kommen in diesem endlosen Kampf wieder einmal ein paar Sekunden zu spät. Unabhängig von den Beamten der Polizei sehen wir wieder schwer bewaffnete Streifen der Operation Sentinelle, welche zur Terrorismusbekämpfung nach den Anschlägen 2015 von der französischen Regierung eingesetzt wurde.
Ein Bus bringt uns vom Eiffelturm zum Louvre. Wir haben ein Tagesticket auf dem Handy, welches uns erlaubt, alle Nachverkehrstransportmittel in Paris zu nutzen. Das ist technisch ziemlich ausgereift und funktioniert auf einem modernen Smartphone sogar dann, wenn dieses ausgeschaltet bzw. stromlos ist. Das ist wirklich gut implementiert. In der Metro halten wir das Gerät einfach an einen Sensor an den Einlassschranken, worauf sich diese öffnen, im Bus gibt es Terminals an der Einstiegstür beim Fahrer.
Vor dem Besuch des Louvre haben wir noch Zeit für ein Mittagsmahl auf der Rue de Rivoli bevor wir Punkt 14.00 Uhr das Museum über die ikonische Pyramide in der Mitte betreten dürfen. Wie nicht anders zu erwarten, sind wir nicht die einzigen Besucher. Als erstes nehmen wir den Weg in die Gemäldegalerie. Zuerst besuchen wir die französischen Meister – der Besucherstrom hält sich in Grenzen – dann suchen wir den Weg zur Mona Lisa. „Suchen“ ist dabei der falsche Begriff, wir können den Weg nicht verfehlen: wir müssen nur mir dem Strom treiben. Da Vinci’s Gemälde selbst interessiert uns dabei gar nicht so sehr, aber das Treiben drum herum. Den direkten Anblick ersparen wir uns angesichts der Menschenmengen. Faszinierend ist aber, wie dieses, mit ca. 70cm mal 50cm recht kleine Gemälde es schafft, den Raum zu füllen und alle anderen Werke im Saal, die teilweise ungleich größer sind dagegen verblassen. Das Werk selbst kann man sich heute dank moderner Medien, so meinen wir, auch ein Ruhe ansehen, aber irgendwie wirkt es, trotz der teils würdelosen Umgebung. Ob es nun an den perfekten Proportionen im Goldenen Schnitt oder des stringent einer Fibonacci-Spirale folgenden Bildaufbaus liegt, wissen natürlich auch wir nicht. Damit dürfen sich gern Wissenschaftler und Kunsthistoriker weitere Jahrhunderte beschäftigen.
Nach den Gemälden statten wir Etienne Dupérac, Charles le Brun und Pierre Mignard einen Besuch ab. Wer bitte? Kennt ihr nicht? Gewiss, ich hätte auch Ludwig den 14. oder Kardinal Richelieu nennen können, das hätte aber nicht so viel Eindruck gemacht 😉 Jedenfalls hängen Bildnisse aller dieser Menschen in der Galerie d’Apollon, dem Prunksaal des Louvre. Die Vitrinen, die einst die Kronjuwelen beherbergten, sind seit mehreren Monaten leer. Was wir in Dresden aus dem Grünen Gewölbe kennen, passierte letztes Jahr auch hier.
Das „Pflichtprogramm“ erfüllt, denken wir darüber nach, was wir uns noch anschauen wollen. Ägypten? Nö, das hatten wir dieses Jahr schon in „mehr“ 😉 So ein bisschen schwingt dann auch immer die Frage nach der Raubkunst mit, gerade man ein bisschen die napoleonische Geschichte in Ägypten kennt. So entscheiden wir uns für „Mesopotamien“. Artefakte aus dem Zweistromland können wir nicht an so vielen Orten in der Welt betrachten.
Irgendwie hat es uns dann in die Statuensammlung im Richelieu-Flügel des Louvre verschlagen. Das schöne hier ist, dass nicht so viele Menschen den Weg hier her finden. Ungeachtet der einzelnen Plastiken, Statuen und Statuetten, wovon wir einige auch kennen, stellen wir mal wieder fest, was doch ein gut kuratiertes Museum ausmacht: Die Präsentation in den großen Atrien empfinden wir als großartig, gerade heute, wo die gleißende Sonne durch die Glaskuppeldächer in die einstigen Innenhöfe des Schlosses fällt.
Irgendwann ist es uns aber genug und wir verlassen den Museumskomplex über die Metrostation Carrousel, die integraler Bestandteil des Komplexes zu sein scheint. War das schon beim letzten Mal so? Wir wissen es nicht (mehr), es ist auch wirklich lang her, dass wir hier waren. Am Ausgang sehen wir noch ein Schild, welches darauf hinweist, dass für den heutigen Tag keine Tickets mehr verfügbar wären. Da war die Eva wieder einmal sehr vorausschauend in ihrer Organisation.
Die vollständig automatisch fahrende Metrolinie 11 bringt uns zurück zum Hotel und direkt unter die Dusche. Heute Abend wartet noch ein Kulturprogramm auf uns…
- Inzwischen fahren drei Linien der Metro vollständig autonom, ohne Personal. Was im ersten Gedanken etwas spooky klingt, scheint wirklich gut zu funktionieren. In den Zügen kann kann auch direkt vorn oder hinten sitzen und direkt in den Tunnel schauen. Es sind keine einzelnen Wagons mehr, sondern ein Zug, der von vorn bis hinten durchgängig ist. Die Taktung ist ebenso beeindruckend. Sehen wir die letzte Bahn noch im Dunkel des Tunnels verschwinden, taucht am anderen Ende des Bahnsteigs schon die nächste auf. Anders wäre das Verkehrsaufkommen auch nicht zu bewältigen. Die Linie 14 zum Flughafen wurde schon als automatisches Transportsystem gebaut, die Linien 1 und 4 sind inzwischen umgerüstet und ich denke, die anderen Linien werden noch folgen. Die Züge fahren nicht mehr auf Stahl, sondern auf Gummi, die Schienen sind durch Laufflächen für die Reifen der Züge ersetzt, die Bahnsteige sind durch automatisch öffnende Türen vom Gleisbett getrennt. ↩︎
