Es gibt Orte, an denen man keinen französischen Grafen erwarten würde. Ein Vulkankrater auf einer kleinen Insel mitten im Atlantik, fast zweitausend Meter über dem Meer, ohne Quellen, ohne Straßen, im Schatten eines aktiven Vulkans, gehört gewiss dazu. Und doch beginnt die Geschichte genau mit einem solchen Mann: Armand Montrond, ein Adliger aus Frankreich, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die Kapverden kam und in der Caldeira des Pico do Fogo blieb. Über Montrond ist erstaunlich wenig sicher und erstaunlich viel erzählt, Geschichte und Legende sind so ineinander verschlungen, wie die Reben, die er gepflanzt haben soll.

Fogo, die „Feuerinsel“, ist im Grunde ein einziger Vulkan, der aus dem Meer ragt. Vor 73.000 Jahren brach ein Teil des alten Vulkangebäudes zusammen und rutschte ins Meer. Zurück blieb eine riesige, nach Osten offene Caldeira von rund neun Kilometern Durchmesser, umschlossen von einer fast senkrechten Felswand, der Bordeira. In ihrer Mitte wuchs ein neuer Kegel empor, der Pico do Fogo, mit knapp 2.830 Metern der höchste Berg der Kapverden, einer der höchsten Berge im Atlantik, nur der Gunnbjørn Fjeld auf Grönland, natürlich der Teide und viel weiter südlich der Mount Puget auf Südgeorgien überragen ihn.

Der Boden der Caldeira, der Chã das Caldeiras, liegt auf etwa 1.700 Metern Höhe. Es ist eine Mondlandschaft aus schwarzen Lavaströmen und grauer Asche. Regen fällt selten, aber Nebel und Wolken streifen oft über den Kraterrand. Wir haben unseren Besuch äußerst gut abgepasst, da beides verflog als wir kamen und zurückkam als wir gingen.

Die feinkörnige vulkanische Asche hält die wenige Feuchtigkeit wie ein Schwamm im Boden, zudem ist sie reich an Mineralien. Für den Weinbau sind das keine schlechten Bedingungen: viel Sonne, kühle Nächte, karge Böden, welche die Reben zwingen, tief zu wurzeln. Vielleicht gibt es in Äthiopien oder in Kenia noch Rebflächen, von denen wir nichts wissen, bis dahin sind dies hier für uns die äquatornächsten Reben auf dem Planeten. Wer hier lebt, lebt im Wissen, dass der Berg jederzeit wieder Feuer spucken kann. Das hat die Menschen in der Chã nie vertrieben, es hat sie geprägt.

Warum Armand Montrond Frankreich verließ, weiß niemand genau. Die Überlieferung bietet mehrere Versionen an, und jede sagt mehr über die Erzähler als über ihn. In der einen ist er ein Mann, der nach einem Duell fliehen musste, in einer anderen ein politisch Verfolgter aus den Unruhen des 19. Jahrhunderts, in einer dritten schlicht ein Abenteurer, ein Naturforscher oder ein Mann, der des alten Europas überdrüssig war. Meist wird seine Ankunft auf Fogo in die 1870er Jahre gelegt. Sicher scheint, dass er nicht als Durchreisender kam. Er ließ sich in der Caldeira nieder, einem Ort, den die meisten Bewohner der Insel damals mieden, und blieb dort bis an sein Lebensende. Er soll sich mit Pflanzen und Heilkunde ausgekannt und den Bauern als eine Art Arzt gedient haben. Er soll Obstbäume gepflanzt, den Kaffeeanbau an den Hängen gefördert und Wasser in Zisternen gesammelt haben.

Vor allem aber soll er Reben mitgebracht haben. Ob er sie tatsächlich aus Frankreich mitbrachte oder Stecklinge nutzte, die bereits auf den Inseln vorhanden waren, ist unklar. Für die Menschen in der Chã ist diese Frage auch nicht entscheidend. In ihrer Erinnerung ist er der Mann, mit dem der Wein in den Krater kam.

Weinbau in der Chã das Caldeiras sieht anders aus als im Bordeaux oder bei uns an der Elbe. Es gibt keine Rebzeilen an Drähten, keine grünen Hänge. Die Stöcke wachsen niedrig, oft einzeln, in Mulden, die man in die schwarze Asche gräbt. Manche werden mit kleinen Mauern aus Lavasteinen gegen den Wind geschützt. Aus der Ferne sieht ein Weinberg in der Caldeira aus wie ein Feld aus grünen Flecken auf dunklem Grund. Wasser muss gesammelt, die Asche nach jedem Sturm wieder von den Pflanzen geräumt werden. Die Lese geschieht von Hand, und lange wurde auch von Hand oder mit einfachen Holzpressen gekeltert. Was dabei entstand, war ein kräftiger, oft süßlicher Hauswein, auf Fogo als „Manecom“ bekannt. Getrunken wurde er vor allem auf der Insel selbst, bei Festen, Taufen, Beerdigungen. Dass sich gerade dieser Weinbau mit Montrond verbindet, ist kein Zufall. Er steht für die Idee, dass man an einem scheinbar lebensfeindlichen Ort etwas Feines, fast Luxuriöses hervorbringen kann. Damals ein Getränk der europäischen Aristokratie, gewachsen auf Vulkanasche.

Montronds sichtbarstes Erbe sollen aber nicht die Reben sein, sondern die Menschen. Der Graf soll mit mehreren Frauen der Caldeira zahlreiche Kinder gehabt haben. Bis heute tragen viele Familien im Kraterkessel den Namen Montrond. Besucher sollen hier oft bemerken, dass auffallend viele Menschen mit heller Haut, hellem Haar oder grünen oder blauen Augen hier leben, und die Einheimischen erklären das ohne Zögern mit ihrem französischen Vorfahren. Das wäre eine Geschichte, die man mit gemischten Gefühlen erzählen sollte. Sie handelt von einem europäischen Adligen, der in einer abgelegenen, armen Gemeinschaft eine Stellung einnahm, die ihm kaum jemand streitig machen konnte. Über die Frauen, die seine Kinder zur Welt brachten, wissen wir nichts. Ihre Namen sind in der Legende nicht erhalten geblieben, seiner schon. Zugleich ist aus dieser Geschichte eine Gemeinschaft hervorgegangen, die sich sehr bewusst als eigene versteht. Die Leute aus der Chã sollen auf Fogo als eigensinnig gelten, als stolz, ein wenig anders. Der Name Montrond ist für sie kein Makel, sondern ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einem Ort, an dem nur bleibt, wer bleiben will.

Der Vulkan hat die Caldeira seit Montronds Zeit mehrfach heimgesucht. 1951 brach er aus, 1995 erneut, als am Fuß des Pico ein neuer Nebenkrater entstand und Lava Teile der Siedlungen und Felder begrub. Die Bewohner wurden evakuiert und kehrten trotzdem zurück, oft gegen den Rat der Behörden. Ihre Häuser, ihre Tiere und ihre Reben waren nun einmal hier. Nach dieser Eruption bekam der Weinbau eine neue Form. Mit Unterstützung einer italienischen Entwicklungsorganisation gründeten Winzer aus der Chã Ende der 1990er Jahre eine Genossenschaft und eine Kellerei. Der Wein, der nun unter dem Namen „Chã“ abgefüllt wurde, war der erste kapverdische Wein, der in nennenswerter Menge in Flaschen kam, in Praia verkauft und sogar exportiert wurde: weiß, rosé, rot. Aus dem Hauswein des Grafen war eine Marke geworden.

Dann kam 2014 der nächste Ausbruch. Wochenlang wälzte sich die Lava durch die Caldeira und begrub die beiden Dörfer, die Schule, die Kirche und auch die Kellerei. Bilder von Lava, die über Weinstöcke und Hausdächer kroch, gingen um die Welt. Und wieder kamen die Menschen zurück, gruben ihre Felder neu, bauten Häuser auf der erkalteten Lava und begannen erneut zu keltern.

Von Armand Montrond gibt es kein Denkmal im Krater, und über sein Leben wird wohl nie ganz Klarheit herrschen. Vielleicht ist das angemessen. Der Graf ist weniger eine historische Person, sondern vielleicht eine Erzählung, mit der die Menschen aus der Chã das Caldeiras erklären, wer sie sind: Nachfahren eines Fremden, der blieb, und von Frauen, deren Namen vergessen sind; Bauern, die auf Asche Wein ziehen; eine Gemeinschaft, die den Vulkan nicht besiegen kann und sich trotzdem nicht von ihm vertreiben lässt.

Der Wein, der heute aus der Caldeira kommt, trägt diese Geschichte in sich. Er schmeckt nach Mineral und Sonne, der Rotwein ein wenig nach Rauch. Er wird in einem Boden gezogen, der jederzeit wieder unter neuer Lava verschwinden kann. Montrond hat diesen Ort nicht erschaffen, aber hat ihm eine Geschichte gegeben.

Neben all dieser Romantik und Melancholie erleben wir wieder einmal, was Tourismus bedeutet. Neben dem Wein liegt das Gold der Caldeira heute nicht mehr auf ihrem Boden, sondern steht als Kegel über ihr, ein Gipfel, ein Ziel für Wanderer und Bergsteiger. Ein Quartier neben dem anderen sprießt aus der erkalteten Lava, jeder möchte ein Stück vom Kuchen. Noch sind wir nicht in der High Season, diese beginnt erst, trotzdem bilden europäisch aussehende Menschen die Mehrheit hier oben und diese sind ganz sicher keine Nachkommen des Grafen. Natürlich haben auch wir hierfür keine Lösung parat, gehören ja wieder selbst zum Problem. Ich höre Dieter schon schimpfen und fluchen und wahrscheinlich hätte er Recht. Die Lodge, in welcher wir nächtigten, ist wunderschön in die Landschaft eingepasst. Die Besitzerin scheint eine Französin zu sein, ebenso die Betreiberin des Lokals, in welchem wir zu Abend aßen. Hier assimiliert der Tourismus gerade die lokale Kultur, wie fast überall. 

Interessant für uns ist, dass die meisten Besucher ebenso französisch sprechen, wie die Betreiber:innen aus Frankreich zu kommen scheinen. Verbindet sie alle etwas mit Montrond? Wir wissen es nicht, wir sahen nicht in die Augen aller. 

Jens

Er fotografiert und manchmal schreibt er auch.

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