Würde man uns fragen, woran wir am sichersten Afrika erkennen, wir würden vermutlich nicht an unsere Nasen denken. Ich würde von Farben erzählen, von Weite, von Stimmen. Und doch ist es die Nase, die sich niemals irrt. Nicht Gestank ist es, nein, es ist ein Geruch, den wir zu Hause mit Gemütlichkeit verbinden, mit einem Lagerfeuer in einer Sommernacht, mit dem Grill im Garten, mit Menschen, die zusammenrücken, wenn es dunkel wird. Afrika riecht nach verbranntem Holz. Gewiss, wir können diese These nur durch Stichproben aufstellen, Stichproben im Maghreb im äußersten Nordwesten, am Golf von Aqaba im Nordosten, jenseits des Atlas im Tafilalt, dort wo die Sahara beginnt, in der Namib, in der Kalahari, auch in Südafrika.

Wir schließen die Augen und die Bilder kommen von selbst:




Der Maghreb, kleine Holzfeuer unter tönernen Tajines, in denen Gemüse und Gewürze stundenlang schmoren. Der Rauch zieht durch enge Gassen, hängt in den Kleidern, im Haar, zumindest bei Eva;
noch Tage später.




Die Wadis hinter dem Sinai, am Golf von Aqaba. Ein Beduine kniet vor der Glut und schlägt dünnen Teig auf ein gewölbtes Blech. Das Fladenbrot wirft Blasen, bräunt, duftet. Er reicht es uns mit bloßen Händen, heiß und gut.




Jenseits des Atlas, im Tafilalt, wo die Sahara beginnt. Kein Baum mehr, kaum noch Holz. Und doch brennt ein Feuer, genährt vom getrockneten Dung der Dromedare.
Darauf köchelt der Tee, süß und stark, mit frischer Minze.
„Berber-Whisky“ nennen sie ihn und lachen.
Für uns ist es der beste Tee der Welt.




Und dann der Süden.
Die Namib, die Kalahari, Südafrika.
Abende am Braai, die Glut knistert, das Fleisch zischt, und über uns spannt sich das Kreuz des Südens, die Magellanschen Wolken, die große und die kleine; so klar, als könnte man sie berühren.
Diese Nächte werden wir nie vergessen.
Und unsere Nasen erst recht nicht – sie haben ohnehin das bessere Gedächtnis.

Auf Santo Antão rochen wir es nicht, somit sprachen wir auch nicht darüber. Das grüne Eiland mitten im Atlantik ist feucht und üppig, voller Flora und Terrassenfelder. Es scheint jeden Geruch zu verschlucken, der nicht nach Gewächshaus klingt. Wir vermissten nichts, glaubten wir. Erst jetzt wissen wir, dass da eine leise Lücke war. Und nun Santiago, die afrikanischste Insel der Kapverden, so steht es in jedem Reiseführer. Wir hatten es für eine Floskel gehalten. Aber hier, unterwegs quer über die Insel, die Luft durch die geöffneten Seitenfenster im Wagen einatmend, verstehen wir. Wir erkennen ihn wieder, den ganzen Kontinent, in einem einzigen Atemzug und fast eintausend Kilometer entfernt.

Gerüche brennen sich tief ein. Tiefer als Bilder, tiefer als Worte. Sie wohnen in den ältesten Teilen von uns, dort, wo kein Nachdenken nötig ist. Zwischen den Reisen schlafen sie, unbemerkt. Doch ein einziger Hauch genügt, und alles ist wieder da: die Gesichter, die Wärme der Glut, das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein.

Reisende sagen oft, sie hätten Afrika nie ganz verlassen, ein Stück von ihnen sei dort geblieben und rufe sie zurück. Vielleicht stimmt das. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt. Vielleicht lassen wir gar nichts dort zurück. Vielleicht nehmen wir etwas mit – still, unsichtbar, tief im Stammhirn, im Rückenmark. Einen Rauchfaden, der uns ein Leben lang begleitet. Und der nur darauf wartet, dass wir eines Tages wieder eine Flugzeugtür öffnen und tief einatmen.

Demselben Rauch, der in uns Bilder von Lagerfeuern und Sternennächten weckt, sinnieren wir hier nach, nicht zum Fladenbrot am Rande der Wüste, nicht zum Braai, sondern am Straßenrand am Rande der Stadt, dort, wo der Asphalt aufhört. Vor einem Haus aus Hohlblocksteinen, kein bunter Putz an den Wänden, nackter Beton. Auf der oberen Etage ragt die Stahlarmierung in den Himmel empor. Es wird weiter gebaut, wenn wieder Geld da ist. Vorerst reicht die untere Etage zum Leben. Eine junge Frau hockt vor einem kleinen Blechgrill. Ein Topf mit Cachupa, dem Nationalgericht, ein Eintopf aus Bohnen, aus Kircherbsen und allem, was da ist, steht darauf; darunter ein Häufchen glühender Holzkohle. Sie fächelt mit einem Stück Pappe Luft in die Glut. Ihre Augen sind gerötet. Für uns ist dieser Geruch eine romantische Erinnerung, für sie ist es Alltag, jeden Tag, vielleicht dreimal am Tag.

Niemand kocht hier auf Holzkohle, weil es gemütlich ist. Man kocht darauf, weil es anders nicht geht. Eine Gasflasche kostet vielleicht mehr, als eine Familie in einer Woche zur Verfügung hat. Strom ist teuer, fällt oft aus oder erreicht die Häuser außerhalb der Stadt gar nicht erst. Holzkohle dagegen lässt sich in kleinen Plastiktüten kaufen, hier für ein paar Escudo, genug für den Tag. In weiten Teilen Afrikas ist das nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Fast eine Milliarde Menschen auf dem Kontinent kochen noch immer mit Holz, Holzkohle, Ernteresten oder Dung. Der Teekessel auf dem Dromedardung, den wir in der Sahara so romantisch finden, ist nicht nur Folklore, er ist manchmal Not. Not, die mit  Würde und Gastfreundschaft überspielt wird. Wir sind auf den Kapverden – Afrika – hier geht es den Menschen im Durchschnitt besser als in vielen Ländern am Festland, fast 1000 Kilometer entfernt und trotzdem ist der Rauch der Preis für die Lebenswirklichkeit; nicht für alle, aber für einige, vielleicht auch für viele.

Auf dem Kontinent zahlen den Preis vor allem Frauen und Kinder. Sie gehen kilometerweit, um Brennholz zu sammeln, oft mehrere Stunden. Stunden, die in der Schule fehlen, auf dem Feld, im eigenen Leben. Mit jedem Jahr werden die Wege länger, weil die nahen Bäume längst verfeuert sind. In der Stadt zahlen den Preis alle mit ihrer Lunge. Gekocht wird in engen Räumen oder direkt vor der Tür, ohne Abzug, ohne Schornstein. Der feine Ruß setzt sich in den Atemwegen fest. Kleinkinder, die auf dem Rücken ihrer Mütter am Feuer sitzen, atmen ihn ein, lange bevor sie laufen können. Hunderttausende Menschen sterben in Afrika jedes Jahr vorzeitig an den Folgen dieses Rauchs, mehr als an vielen Krankheiten, über die man spricht. Und die Landschaft zahlt ihn auch. Für Holzkohle werden ganze Wälder geschlagen und in Erdmeilern verkohlt. Aus Savanne wird Buschland, aus Buschland Steppe. Die Säcke, die am Straßenrand gestapelt auf Abnehmer warten, waren vor Kurzem noch Bäume. 

Wir sind hier auf den Kapverden, verglichen mit dem Kontinent hinter dem großen Meer, ist hier Vieles viel besser, viel moderner. Es ist nur eine kleine Dosis Afrika, trotzdem ist der Kontinent spürbar, nicht immer macht die Dosis den Unterschied. Vor Tagen dachten wir, einer Masche aufzusitzen, als uns ein junger Mann, der leidlich Englisch konnte, ansprach, ob wir ihm Hefte zum Schreiben kaufen könnten, er wolle nicht einfach Geld, er wolle nur Lernen. Mit uns hat er die richtigen gefunden, dachten wir und gingen mit ihm zur nächsten Papelaria, einem Schreibwarenladen. Davor wurden Nummern gezogen, ganz ähnlich wie in einer Behörde bei uns zu Haus. Als wir ihm drei Hefte kauften, dachten wir zunächst, den Plot verstanden zu haben: Die Hefte wären überteuert, die Marge teilen sich Händler und Beschenkter, die Verarschten wären wir. Uns war es egal, wir hatten ein gutes Gefühl dabei. Wir taten dem jungen Mann aber Unrecht, das wissen wir jetzt, wir bezahlten wirklich den realen Preis für die Hefte. Die Eltern von Evas Schulkindern haben weniger Ausgaben für solche Utensilien, auch ohne Einkommensnormierung zwischen Europa und Afrika. Das ist Alltag in einem Land mit 12jähriger Schulpflicht, in einem Land, das in vielem Europa als Vorbild hat und in manchen Dingen sein Vorbild sogar erreicht. Trotzdem riecht es nach Holzkohle, nicht überall, aber hier auf Santiago, wo rund die Hälfte aller Kapverdier lebt.

Die Frau am Straßenrand hebt den Deckel, prüft die Bohnen, die Kichererbsen. Sie lächelt, und wir schämen uns ein wenig für unsere Sehnsucht. Wir haben diesen Geruch geliebt, wir lieben ihn noch immer. Aber wir wissen, dass wir ihn uns leisten können, weil wir wieder abreisen. Weil wir zu Hause einen Herd haben, der auf Knopfdruck heiß wird, darüber einen Dunstabzug, daneben ein Fenster, das wir öffnen können. Für uns ist der Rauch ein Gast, der kurz bleibt. Für die Menschen in Afrika ist er ein Mitbewohner, der nie auszieht.

Wenn wir etwas mitnehmen aus Afrika, tief im Stammhirn, im Rückenmark, dann sollten wir nicht nur den Geruch nach Holzkohle mitnehmen, sondern auch das Husten aus dem Halbdunkel. Und die Frage, warum im Jahr 2026 noch immer so viele Menschen ihr Essen über einem Feuer kochen müssen, das sie langsam krank macht. Der Geruch ist derselbe geblieben. Wir sollten jedoch nicht mehr nur riechen, sondern vielleicht auch hören, was er erzählt.

Wir sind pünktlich auf Fogo gelandet, kaum waren wir gestartet, begann der Landeanflug. Nach 25 Minuten war der Spaß vorbei. Der Flughafen ist noch kleiner als auf São Vicente. Vor der Tür bekamen wir die Schlüssel für unseren Mietwagen in die Hände gedrückt, verbunden mit der Bitte, doch für die Papiere ins Büro in der Stadt zu fahren – haben wir gemacht. Hier gibt es also erst die Ware, in diesem Fall die Schlüssel und erst dann den Vertrag. Die Begutachtung eventueller Schäden haben wir dann auch gemacht, nachdem wir schon mit dem Auto gefahren waren. Manchmal kann Afrika auch so wohltuend unkompliziert sein – herrlich!

Jens

Er fotografiert und manchmal schreibt er auch.

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