Auch heute sieht das Wetter wieder nicht nach Regenzeit aus. Der Himmel ist blau, nur ein paar Passatwolken hängen in den Bergen. Als wir loskommen, sehen wir, dass es dann doch ein paar mehr sind als gestern. Also haben wir alles richtig gemacht, gestern in den Bergen gewesen zu sein. Heute nehmen wir uns noch ein Tal mehr oder weniger direkt hinter unserer Unterkunft vor und danach noch ein paar Dörfer an der Nordküste.

Das Tal heute ist genauso fruchtbar wie das gestrige. Im Schlaraffenland sollen die Trauben bis in den Mund wachsen, hier wachsen die Bananen über die Straße, sodass man sie beim Vorbeifahren ernten könnte. Eine Beobachtung machen wir bei all dieser Üppigkeit dann doch: So wie die Flora hier überbordet, ist doch die Fauna erstaunlich karg. Vögel? Es gibt Sperlinge und Tauben, Hühner als Haustiere aller Orten, Eva sah einen Falken; obwohl wir auf Inseln sind, sahen wir bisher keinen einzigen Wasservogel. Insekten? Ein paar Libellen; genau einen Schmetterling sah ich heute, lästige Fliegen oder Mücken? Nein. Denken wir an die Fauna auf diesen Breitengraden quer über den Atlantik nach Mittelamerika, dann wimmelte dort der Wald vor Insekten und anderen Wirbellosen, demzufolge auch vor deren Fressfeinden wie Reptilien und Vögeln. Der Unterschied ist aber, dass es dort Primärregenwald ist, hier ist es Kulturland. Die Kapverden wurden zwar erst um 1460 besiedelt, das hat aber gereicht, um hier auf Santo Antão die primäre Vegetation fast vollständig auszutauschen. Nur in wenigen Nischen haben sich endemische Arten erhalten. Wahrscheinlich ist dieses Kulturland der Grund für die wenigen Insekten und damit auch für die wenigen Vögel. Säugetiere würden wir hier sowieso vergeblich suchen. Die große Entfernung zum Festland ließ nur Tiere hier heimisch werden, welche diese Strecke überwinden konnten. Deshalb gibt es außer der Fledermaus keine einheimischen Säugetierarten.

In der Inselmetropole Ribeira Grande angekommen, inspizieren wir kurz den Ort und führen unserem Gefährt etwas Nahrung zu. Selbstverständlich ist das hier kein Vorgang, welchen wir selbst übernehmen, dafür gibt es Personal, irgendwie müssen möglichst viele Menschen in Lohn und Brot gehalten werden. Der Benzinpreis hier ist zwar niedriger als zu Hause, aber bei Weitem auch kein Schnäppchen. Auch hier kratzt der Literpreis an der 2-€-Marke. Ein E-Auto wäre hier noch keine Alternative. Nachts reicht der Strom bspw. in unserem Quartier noch nicht einmal flächendeckend fürs Licht.

Eva bittet mich, nach dem Besuch der Inselhauptstadt schon etwas früher als geplant über den Rückweg nachzudenken. Bei ihr beginnen jetzt auch erste Protestaktionen des Verdauungstraktes. Vielleicht war es bei mir gar nicht das Thunfisch-Carpaccio, sondern es ist einfach eine kapverdische Notwendigkeit, die bei mir, wie fast immer, einfach schneller abgearbeitet wurde. Wir sind damit keine Ausnahme, beim Abendessen in unserer Unterkunft sind niemals alle Tische vollzählig besetzt. Irgendwer fehlt immer oder begnügt sich mit einer Tee-Diät. Ich schreibe es mal so: Wenn Eva Würfel hustet, dann ist es schon ziemlich heftig, das kommt nicht so häufig vor. Ich denke aber: Gut so, dann ist es jetzt raus, was immer es auch war…

Jens

Er fotografiert und manchmal schreibt er auch.

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