Wir Menschen neigen dazu, uns die Welt immer anhand dessen zu erklären, was wir kennen. Das geht uns nicht anders, vielleicht kennen wir etwas mehr als andere.
Santo Antão ist irgendwie ähnlich wie Madeira, nur krasser! Oder anders gesagt: Es ist ein Blick zurück, ein Blick in die Zeit vor die EU-Fördergelder für Madeira, in die Zeit als bestenfalls Engländer:innen nach Madeira reisten und der einzige Exportschlager der Insel neben dem gleichnamigen Likörwein der Blumenschmuck für das Neujahrskonzert der Wiener Staatskapelle war.
Damals hatte Madeira noch keinen Flughafen, noch keine in die steilen Klippen gebaute Start- und Landebahn, die bis heute nur Piloten ansteuern dürfen, die 4 Balken auf der Schulter tragen – und zwar auf jeder Schulter! Damals landeten die Flugzeuge noch auf der viel kleineren Nachbarinsel Porto Santo. Die Passagiere wurden mit der Fähre nach Madeira weiterbefördert. So ähnlich ist es hier auf den Kapverden auch. Santo Antão hat bis heute keinen Flughafen, das Tor zur Insel ist São Vicente und die Fähre von dort hierher. Genau jenen Weg, den wie gestern nahmen.
Aber zurück zum Madeira-Vergleich. Die Insel des ewigen Frühlings hat, oder besser gesagt, hatte eine sehr feuchte vom Nordostpassat geprägte Nordseite und eine trockene Südseite. Ihren Wasserkanälen in mehreren Etagen, den Levadas, verdankt die Südseite ihr Wasser. So etwas gibt es hier nicht. Santo Antão teilt sich in den wüstenhaften Südostteil, zur Sahelzone gehörend und den tropischen Nordwestteil, getrennt durch ein fast zweitausend Meter hohes Gebirge. Eine Vulkaninsel, geteilt in eine Wüste und ein Gewächshaus.
Reüssieren wir ein mal kurz: Knapp 4 Stunden Flug nach Lissabon, 4 Stunden Flug nach São Vicente, eine Stunde Fähre nach Puerto Novo auf Santo Antão und von dort zwei Stunden über enge und abenteuerliche Pisten bis zu unserem Quartier auf der Nordseite der Insel. Das ist nicht der Ort, der am weitesten weg von zu Hause ist, den wir bisher besuchten, aber er steht trotzdem ganz weit oben auf der „farthest away list“. Schauen wir gerade aus dem Bett über das Meer, können wir ganz klein am Horizont Cuba entdecken, dazwischen liegt aber ein ganzer Ozean! (Die interessierte Leser:in sollte sich bewusst sein, dass ich ein kleines Stückchen länger bin. Deshalb hat die Erdkrümmung eine geringere Auswirkung auf meinen Weitblick über das Meer. Eine Faustregel besagt, dass am Äquator pro einem Meter Höhe 6 Kilometer Sicht möglich sind 🤓)
Gestern Abend noch, doch etwas frustriert über die fehlenden Farben am Himmel, im Meer und ganz allgemein in der Landschaft, suchten wir uns den Wetterdienst mit den besten Vorhersagen und nahmen diese als gegeben an. Als wir heute Morgen die Augen öffneten, sahen wir aber immer noch nur Wolken. Genauer hinschauend erkannten wir, es waren nicht mehrere Wolken, es war genau eine und wir waren mittendrin. Nach oben blickend konnten wir die Sonne schon sehen und den blauen Himmel erahnen. Eine halbe Stunde später waren wir uns dann schon nicht mehr so sicher, ob wir das wirklich so wollten. Kurz überlegten wir, ob reichlich 40°C bei absoluter Trockenheit im Sommer in Frankreich oder 28°C hier bei 100% Luftfeuchtigkeit besser zu ertragen sind. Wir entschieden uns für Letztes, schließlich ist dies hier der Normalfall und uns genau so bekannt gewesen und demnach gewünscht.
Da das Wetter sich nun für den ganzen Tag an die Vorgaben der Accuweather-App halten würde, beschlossen wir, heute in die Berge zu fahren, und die Insel auf der alten, in den 50iger Jahren gebauten Straße zu queren. Die Straße ist abenteuerlich steil, komplett mit der Hand aus dem Fels geschlagen und gepflastert, kein Asphalt, kein Beton. Dies ist sicherlich der Entstehungszeit vor einem dreiviertel Jahrhundert geschuldet, bietet aber auch handfeste Vorteile. So sind die Flächen nicht versiegelt, das viele Wasser, was hier in der Regenzeit herunterkommt, fließt teilweise gleich durch die offenporigen Pisten ab, die Fugen zwischen den Pflastersteinen bieten der üppigen Flora genügend Raum, ohne dass ein Löwenzahn oder etwas Ähnliches die halbe Fahrbahn zerstört. Die Pisten in den Bergen sind deshalb eher nicht braun oder rot wie das Vulkangestein, sondern grün, so wie eigentlich alles hier. Also alles wie auf Madeira, ich schrieb es oben schon, nur viel krasser!
Die Straßen, oder bleiben wir besser beim Begriff Pisten, sind steiler, enger, mit mehr Kurven versehen. Die Abhänge rechts und links sind steiler, die Täler tiefer, die Auswaschungen durch Sturzbäche von den Felsen sind drastischer, die Steinschläge häufiger, die Furten tiefer. Es ist nicht die Insel des ewigen Frühlings, es ist die Insel des offenen Gewächshauses. Balkone hat hier niemand, Balkonpflanzen dafür umso mehr. Alles das, was bei uns aufmerksam gezüchtet, auf der Fensterbank überlebt, das wächst hier: alle Arten von Fici, verschiedenste Aaronstabgewächse, allen voran Papayas, Mangobäume, immer ein männlicher neben einem weiblichen; Zuckerrohr, Bananen, Brotfruchtbäume, Guaven; einzig Maracuja-Ranken können wir nicht entdecken, obwohl es diese hier auch geben muss. Die Täler sind tief, von steilen etwa 1000 Meter hohen Felswänden eingerahmt, bis nach oben grün. Von den Terrassenfeldern oberhalb der Felswände stürzen Wasserfälle bis auf den Talboden. Hätten diese Wasserfälle Namen, oder würden sie immerwährend fallen, so wären es vermutlich die höchsten der Welt. Waren wir gestern noch ein klein wenig missmutig über die Regenzeit, so ist uns heute klar, dass wir nur jetzt das alles genau so sehen können, wie wir es gerade sehen.
Nachdem wir die Insel einmal über das Gebirge gequert haben, und an der Küste entlang den gleichen Weg wie gestern zurück in den Norden gefahren sind, besuchen wir noch die laut einschlägigen Informationen beeindruckendste Schlucht, das Paúl-Tal und fragen uns, ob wir etwas ähnlich Fruchtbares schon einmal gesehen haben. Eva meint, „Das Land, wo Milch und Honig fließen“ müsse man sich so vorstellen. Es wäre allerdings nur Ziegen- oder Eselsmilch. Für andere milchgebende Nutztiere ist es viel zu steil und zu warm. Und da wären wir wieder bei einem hinkenden Vergleich, der oben mit Madeira begann. Von Ägypten bis hierher hätte Moses Volk noch viele Generationen mehr gebraucht und es wären 1000 Kilometer Atlantik zwischen der Sahara und dem Paradies gewesen. Aber wo das Meer geteilt wird …
…nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich.
