Wir haben bisher noch gar nichts zu unserer tollen Unterkunft auf Santo Antão geschrieben, das hole ich jetzt nach: Es ist eine EcoLodge am Ende der Welt, am Ausgang eines fruchtbaren Tales, direkt am Meer. Um uns herum sind nur steile Klippen, unter uns die Brandung. Einen Mangel hat dieser Standort um diese Zeit: Die Sonne geht direkt hinter einer Klippe unter und fällt nicht direkt ins Meer.
Die Lodge ist für mehr Tourismus erbaut als wir hier gesehen haben. Voll war es nie, schätzungsweise 4 bis 5 Paare waren pro Nacht hier. Da hier „nichts“ ist, erfolgt die Verpflegung in Halbpension. Jeden Morgen konnten wir für den Abend zwischen einem vegetarischen Menü und einem Menü mit Fleisch oder Fisch wählen.
Die ganze Lodge wird von Frauen bewirtschaftet und gemanaged, der Tagesrhythmus entspricht der Erwartung in Äquatornähe: Der Tag beginnt erst nach dem Anschalten der Sonne gegen 6:30 Uhr oder sogar danach (7:00 Uhr ist hier noch niemand zu sehen) und endet auch sehr zeitig. Gegen 10:00 Uhr am Abend, für uns ist das später Nachmittag, hier ist die Sonne dann schon dreieinhalb Stunden „ausgeschaltet“, ist niemand mehr da, dann ist außer uns auch kein Tourist mehr zu sehen.
Klimaanlagen gibt es hier nicht, ebenso wenig wie Plastik – ein schönes Konzept. Der Strom reicht so lang, wie er eben reicht. Die Funzel am Bett funktioniert die ganze Nacht, die Lampe in der Dusche gibt schon kurz nach Sonnenuntergang auf. Ohne Taschenlampe bereist man solche Länder ohnehin nicht. Eines aber haben wir so nicht erwartet: Es gibt Wein, und die Leute wissen damit umzugehen! Zum einen sind es Importe aus der ehemaligen Kolonialmacht Portugal – das sind die günstigeren Angebote – zum anderen ist es Wein aus der Caldera des Vulkans Fogo. Es sind jetzt alles keine Weine, wonach sich die Welt verzehrt, aber alle sind mehr als anständig. Außerdem ist es die Getränkeoption, die es definitiv gekühlt, aber ohne Eis gibt – ein nicht unwichtiges Detail für unser beider Verdauungsorgane.
Die eigentliche Getränkeoption auf einer Insel, auf der Zuckerrohr angebaut wird, ist natürlich Rum, der hier Grogue heißt. Die Varianten sind vielfältig, wir haben sie probiert und bleiben bei Wein. Als besser riechender Benzinersatz ja, aber als Genussmittel? Beim Schlucken jedenfalls wird die Speiseröhre bis zum Mageneingang thermisch exponiert. Wenn ich denn mal Lust verspüren sollte, fast reinen Alkohol zu mir zu nehmen, würde ich die schottischen Variationen bevorzugen.
Genug vom Ende der Welt, irgendwann müssen wir abreisen. Und irgendwann ist ziemlich früh, quasi mit dem Sonnenaufgang. Es sind zwar nur 60 Kilometer bis zum Fährhafen, dafür werden wir aber zwei Stunden brauchen! Noch einmal müssen wir aus den Tal heraus, über den steilen Pass, auf der anderen Seite die Serpentinen wieder herunter; am Meer entlang, bis das „Gewächshaus“ endet; über die Lavafelder in die Wüste, zurück bis nach Porto Novo. Auf dem Weg sind viele Schulbusse unterwegs. Meist sind es kleine Fahrzeuge, die am Straßenrand wartende Kinder einsammeln und an ihrer jeweiligen Schule wieder herauslassen. Die Schulpflicht beträgt hier 12 Jahre, das ist also vergleichbar mit zu Hause. Dass Bildung der wichtigste Weg in eine bessere Zukunft ist, hat die Gesellschaft spätestens nach der Demokratisierung Anfang der 1990er Jahre erkannt.
Pünktlich 9:00 Ihr kommen wir in Porto Novo an, tanken unser dreigängiges Fahrzeug auf, stellen es genau dort am Kai hin, wo wir vor 3 Tagen eingestiegen waren, bekommen unsere 200€ Kaution in Form zweier grüner Scheine zurück und warten auf die Fähre. Von den drei Gängen haben wir im Grunde nur zwei gebraucht, der dritte Gang war ein „Schongang“, er schonte die Ohren ;), was in unserem Fall gar nicht nötig war, das konnten wir mit den Knien machen. Neben den 3 Gängen hätten wir noch ein Untersetzungsgetriebe und Differentialsperren gehabt, Optionen, die wir gar nicht gebraucht haben. Unsere Beschreibungen klingen für die ein oder andere Leser:in vielleicht abenteuerlich, aber im Großen und Ganzen können wir von einem gut ausgebauten Wegenetz berichten.
Heute sehen wir hinter dem 16 Kilometer breiten Meereskanal die Nachbarinsel São Vicente, bei unserer Ankunft sahen wir nur Wolken. Wir verladen unser Gepäck auf dem bereitstehenden LKW, der als letztes auf die Fähre auffährt. Das war Santo Antão für uns, wahrscheinlich kommen wir nie wieder hierher zurück, irgendwie ein seltsames Gefühl für mich, wenn auch ein sehr privilegiertes.
*So ganz allein bin ich mit diesem Gefühl nicht. Cesária Évora, vielleicht die berühmteste Kapverdianerin schrieb Lieder darüber. „Sodade“ ist kapverdisches Kreolisch und bedeutet soviel wie Sehnsucht oder Heimweh (sagt Evas digitaler Helfer)
Nach einer Stunde haben wir das Meer überquert und sind zurück in Mindelo, nach eigenem Verständnis das kulturelle Zentrum der Kapverden. Unter blauen Himmel und Sonnenschein sieht alles viel farbenfroher, viel bunter aus. Nirgends stehen mehr Bretter vor den Türen, um die Eingänge vor den reißenden Sturzbächen auf den Straßen zu schützen. Von den Niederschlägen ist nichts mehr zu sehen. Heute sieht es nach „Afrika“ aus. Wir betreiben zum späten Mittag und nach Sonnenuntergang noch ein bisschen kulinarische Recherchen, Eva noch in Stichproben, der Wein schmeckt ihr aber schon wieder. Morgen 11:05 Uhr geht unser Flug auf die nächste Insel. Der fliegende Teppich hat begrenzte Transportkapazitäten, Handgepäck ist nur bis 6kg beförderungsfähig. Das wird ein ziemliches Puzzle mit dem „leichten“ Fotogepäck und den vielen Computern. Eva meint gerade: „Wenn wir das nächste Mal so verreisen, dann nimmst du nur einen Computer mit!“ Aber was würde ich machen, wenn dieser dann defekt ist? Berufskrankheit? Bestimmt!
