Wir verlassen die Inseln über dem Winde. Damit sind die nördlicheren Inseln des kapverdischen Archipels gemeint, jene Inseln, die direkt den Passatwinden ausgeliefert sind. Der zweite Teil unserer Reise widmet sich zwei weiteren Eilanden weiter südlich. Heute bringt uns ein knapp einstündiger Flug nach Santiago, der größten Insel der Kapverden. Hier befindet sich auch die Hauptstadt Praia. Ein Viertel aller Kapverdier lebt dort. Eine Schönheit soll die Stadt nicht sein. Wir werden uns längs über die ganze Insel nach Norden bewegen. Unser Ziel wird Tarrafal ganz im Norden sein.

Wir sind ja schon das ein oder andere kleinere Flugzeug geflogen. Heute kommt ein neuer Typ dazu: ATR-72, eine französisch-italienische Koproduktion, ein zweimotoriger Turboprop-Schulterdecker mit 72 Sitzplätzen, die Typenbezeichnung lässt es erahnen. Das solche Flugzeuge eher nicht für uns, besonders nicht für mich, gebaut werden, ist uns klar. Eine demütige Haltung beim Betreten des Flugzeuges löst dieses Problem.

Das Einchecken hatten wir erfolgreich hinter uns gebracht. Unser Fluggepäck war leicht zu schwer, unser Handgepäck erst recht, aber die nette Dame am CheckIn meinte, sie hätte unsere Bemühungen registriert und würde uns trotzdem einchecken. Das muss uns jetzt nur noch zwei weitere Male gelingen…

Nochmal zurück zum Flugzeug: solche Maschinen sind schon etwas anderes als das, was wir sonst so kennen und auf der Kurzstrecke entweder Boeing 737 oder Airbus A319/A320 heißt. So ein Fluggerät mit Propellern ist etwas lauter, gerade auch, weil die Triebwerke direkt vor unseren Fenstern sind, dafür ist die Sicht super, da keine Tragflächen die Sicht nach unten behindern. Dieses Flugzeug ist dabei noch etwas Besonders. Es basiert auf einem Typ ATR-42, viel kürzer als dieses. Unser Flugzeug hier ist eine ziemlich gestreckte Version, was zu ein paar lustigen Nebeneffekten führte. Das Gepäckabteil ist vorn, zwischen Passagierkabine und Cockpit, der Zugang für die Passagiere erfolgt hinten. Der Grund ist die Gewichtsverteilung: Das Flugzeug kippt sehr leicht nach hinten, wenn es ungleich beladen wird. Das Fahrwerk ist ziemlich weit vorn, Erbe des Ursprungmodells. Aus diesem Grund hat das Flugzeug hinten eine Stütze, die ausgeklappt wird, um das Abkippen nach hinten zu verhindern. Im Flugzeugmodellbau musste man sich auch immer etwas einfallen lassen, damit die Modelle nicht nach hinten abkippen, aber das es dies auch bei Originalen gibt, wusste ich bis heute auch noch nicht.

Da es aber nicht der Erstflug dieser Maschine ist, sondern seit 1988 schon mehre Flüge stattgefunden haben, sind wir guter Dinge, dass es mit uns auch funktionieren wird. Und da ihr jetzt von uns lesen könnt, scheint diese positive Grundeinstellung wieder einmal bestätigt worden zu sein.

So ein Flug ist natürlich etwas wackeliger, das beschränkt sich aber auf ein paar Stufen himmelaufwärts und am Ende beim Landeanflug. In Reiseflughöhe ist es halt ein Flug wie fast jeder andere. Für uns ist es inzwischen schwer, so etwas wie hier oder hier zu toppen.

Nach knapp einer Stunde landen wir pünktlich in Praia. Der Flughafen ist ein bisschen größer als jener in São Vicente. Heute wartet niemand mit einem Schild auf uns. Der Schalter der Mietwagenfirma ist verlassen, Eva ist nicht sonderlich begeistert. Warum auch immer ist sie in solchen Situationen immer ein wenig pessimistisch, obwohl es dafür überhaupt keinen Grund gibt. Noch nie, wirklich noch nie hat so etwas in mehreren Jahrzehnten unserer Reisen nicht funktioniert. Und während ich ihr versuche, genau das zu argumentieren, kommt ein junger Mann winkend durch die Flughafenhalle gelaufen und fragt mich, ob ich Mister Bome wäre. Na also, klappt doch, auch dieses Mal, wie immer.

Das Prozedere ich schnell erledigt. Dieses Mal hinterlassen wir 450€ Kaution, das wussten wir vorher. Wir bekommen ein Auto, dass man auch bei uns zu Hause fahren könnte. Es ist ein chinesisches Fabrikat. Wenn man so drinnen sitzt und sich die Verarbeitung und Ausstattung mal etwas näher betrachtet, fällt mir kein Grund ein, warum man so etwas nicht fahren sollte. Ein Gegenargument zu Hause wäre natürlich die Unterstützung heimischer Industrie, wenn ich aber bedenke, wie sich bspw. Volkswagen gerade aufführt, scheint mir das kein zwingendes Argument mehr zu sein.

Auf der Insel unterwegs finden wir das bestätigt, was wir schon von oben sahen. Auch diese Insel ist grün, es ist kein Wüsteneiland. Irgendeinen Grund muss es geben, warum die Entdecker das Archipel „Cabo Verde“ betitelt haben. Ein karges Stück Felsen hätten sie bestimmt nicht „Grünes Kap“ genannt.
Wir brauchen auch hier fast zwei Stunden für die Inseldurchquerung. Es ist warm, es sind über dreißig Grad, dabei sollen doch auf den Kapverden immer 27°C sein 😅 Es ist gerade eine Woche her, da haben wir uns noch auf Wärme gefreut, jetzt gerade entwickelt so ein trüber und grauer Novembertag auch einen gewissen Charme.

Am frühen Nachmittag erreichen wir unser Ziel. Es ist das beste Haus am Platz. Der „Platz“ ist eine kleine Bucht mit türkisem 28°C warmen Wasser, weißem Sand, bunten Boten und Kokospalmen. Die Meisten würden dazu „Traumstrand“ sagen. Unsere Traumstände haben manchmal auch weißen Sand, aber eher 4°C kaltes Wasser. 

Eine Straße neben unserem Hotel finden wir ein kleines Lokal, wo wir auch 15:00 Uhr noch verköstigt werden. Es gibt gegrillten Drückerfisch, auf portugiesisch „Bica“. Zu Hause gibt es diesen auch, er nennt sich „Dorade rosé“. Er kostet hier das Gleiche wie zu Hause, hier jedoch ist es ein fertig zubereitetes Gericht mit einem ganzen Fisch und nicht nur 100 Gramm😩!

Das Lokal wird von Einheimischen frequentiert und ist wirklich voll. Auch hier, obwohl es „nur“ ein Straßenlokal ist, wird der Wein von der benachbarten Vulkaninsel Fogo im Kühler serviert. Beim Bezahlen gibt es noch eine Neuheit für uns: Wir können mit dem Smartphone bezahlen, brauchen keine physische Kreditkarte.

Jens

Er fotografiert und manchmal schreibt er auch.

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