An der Mauer eines Lagerhauses unweit des Fischerstrands in Tarrafal befindet sich seit einigen Jahren ein Mural, ein Wandbild, das niemand in Auftrag gegeben hat. Es zeigt einen alten Mann, der mit geschlossenen Augen in einem Kasten aus Beton sitzt, und über ihm, wo eigentlich die Decke sein müsste, öffnet sich ein Himmel voller Fregattvögel. Die Farbe ist von Salz und Sonne ausgebleicht. Die Fischer, die abends ihre Netze daneben flicken, nennen es schlicht „o velho“, den Alten.

Wer das Bild gemalt hat, wissen sie nicht. In Lissabon, Berlin, in Marseille oder Rotterdam dagegen würde man die Handschrift sofort erkennen: die übergroßen Hände, die flächigen Ocker- und Azurtöne, die Vögel, die aus jedem Rahmen fliehen. Sie gehören Manuel Furtado, einem der gefeiertsten Straßenkünstler Europas. Dass dieser Name nicht sein richtiger ist, gehört zu seiner Legende. Dass er ausgerechnet in Tarrafal fast unbekannt ist, gehört zu seiner Geschichte.

Tarrafal ist kein unschuldiger Ort. Der Name steht in Kap Verde, Portugal, Angola und Guinea-Bissau bis heute für das Lager, das der Estado Novo 1936 an den Rand des Städtchens setzte. Die ersten Wärter des Lagers lernten in Deutschland ihr Handwerk, in Dachau. Zuerst sperrte das Regime hier portugiesische Antifaschisten ein. 1940 deportierte Salazar den Gewerkschaftsführer Mário Castelhano, 1942 den Generalsekretär der portugiesischen Kommunistischen Partei Bento António Gonçalves. Auf Druck der Vereinten Nationen wurde das Lager 1954 geschlossen, schon 1961 saßen hier Kämpfer aus den afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen ein. Die Häftlinge nannten es „Campo da Morte Lenta“, das Lager des langsamen Todes. Die Gefangenen wurden auf zahlreiche Arten gefoltert. Die erklärte Absicht der Lagerleitung und des Lagerarztes war, die Gefangenen durch unmenschliche Haftbedingungen, vorenthaltene medizinische Behandlung, Mangelernährung und Folter „sterben zu lassen“.

„Ich bin nicht hier um zu heilen. Ich bin hier um Totenscheine auszustellen.“

Lagerarzt Esmeraldo Pais Prata

Manuels Großvater gehörte zu jenen Kapverdianern, die für die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht kämpften und dafür monatelang hinter diesen Mauern saßen. Berühmt wurde er durch eine einzige Zahl: 70 Tage. So lange überlebte er in der „Frigideira“, der „Bratpfanne“, einer fensterlosen Strafzelle aus Beton, in der die tropische Sonne die Luft zum Stillstand brachte. Andere Gefangene hielten dort nur Tage aus. In der Familie wird die Geschichte bis heute erzählt, und mit jeder Erzählung wird sie ein wenig größer und ein wenig leiser zugleich. Der Alte auf dem Wandbild am Strand trägt keine Gesichtszüge, die man einem Foto zuordnen könnte. Aber wer die Familie kennt, weiß, wen er zeigt. Und wer das Lager kennt, versteht den Himmel über dem Betonkasten: als Antwort auf eine Zelle, die keinen Himmel hatte.

Manuel wurde Anfang der 1990er Jahre hier geboren, in genau den Monaten, in denen sein Land sich neu erfand. Sein Vater gehörte zu den Mitbegründern des Movimento para a Democracia, der MpD, die 1991 die ersten freien Mehrparteienwahlen Kap Verdes gewann und damit die Ära der Einheitspartei beendete. Der Großvater hatte für die Freiheit des Landes gekämpft, der Vater für die Freiheit innerhalb des Landes. Das ist kein Widerspruch, aber es ist eine Spannung, die in mancher Familie in Kap Verde bis heute am Esstisch sitzt. Für Manuel bedeutete die neue Zeit vor allem eines: Schule. Er gehörte zur ersten Generation, die vom reformierten, zwölfjährigen Bildungssystem profitierte. Wo frühere Jahrgänge nach wenigen Klassen auf die Felder oder die Boote mussten, konnte er bis zum Abschluss lernen. In seinen Heften, erzählen ehemalige Mitschüler, standen mehr Zeichnungen als Notizen. Es ist der Schlüssel zu seiner Kunst: Furtados Bilder handeln selten von Politik, aber immer von Räumen, die geöffnet werden: Zellen, Mauern, Grenzen. Er malt, was zwei Generationen vor ihm erkämpft haben, und fragt, was davon übrig ist.

Wie so viele junge Kapverdianer ging Manuel nach der Schule fort. Die Diaspora ist in Kap Verde keine Ausnahme, sondern ein Teil der nationalen Biografie; mehr Kapverdianer leben im Ausland als auf den Inseln. Zuerst Lissabon, dann der Weg nach Norden. Seine frühen Arbeiten entstanden an Bahnunterführungen und Abrisshäusern, nachts, schnell, ohne Signatur. Der Name Manuel Furtado ist ein Schutz und eine Pose zugleich. Er ist so gewöhnlich, dass er in Kap Verde in jedem Dorf vorkommen könnte, und genau darin liegt sein Sinn: Er gehört niemandem und allen. Der Künstler hat nie erklärt, wie er wirklich heißt. Interviews gibt er selten, Fotos von ihm zeigen meist nur Hände oder einen Rücken. Die europäischen Feuilletons haben aus dieser Verweigerung einen Mythos gemacht, den er weder bestätigt noch dementiert. Sein Werk kreist um wiederkehrende Motive: die übergroßen Hände von Arbeitern und Fischern, Vögel, die aus Rahmen ausbrechen, Menschen in Kästen, deren Wände sich auflösen. Selbst ernannte Experten sprechen von „postkolonialer Erinnerungskunst“. Furtado selbst soll einmal gesagt haben, er male nur, was man ihm erzählt habe. Was er nicht sagt: dass man ihm vor allem von einer Zelle erzählt hat, in der ein Mann 70 Tage lang überlebte.

Nach Tarrafal kommt Manuel nur noch selten. Die Großeltern sind lange tot, die Eltern leben in Praia, wo ihre politischen Ämter sie halten. Das Elternhaus in Tarrafal ist an Verwandte vermietet. Was bleibt, ist der Ort selbst: die Bucht, der Markt, die Mauern des Lagers, das heute ein Museum ist.

Wenn er da ist, hinterlässt er Spuren. Ein Wandbild an der Schule, eines an einer Bar, eines am Lagerhaus am Strand. Er malt sie früh am Morgen, in Arbeitskleidung, und wer vorbeikommt, hält ihn für einen Handwerker, den die Gemeinde bezahlt. Niemand fragt nach. In Tarrafal ist ein Mann mit Farbeimer kein Ereignis. In Europa würden dieselben Mauern gegen Vandalismus versiegelt oder gleich ganz herausgeschnitten und versteigert. Erkannt wird er nur von einem. Dieter, ein deutscher Aussteiger, der irgendwann in den Achtzigern oder Neunzigern hängen geblieben ist, so genau weiß das niemand mehr, er selbst eingeschlossen. Die Jahre und das viele Haschisch haben ihn mitgenommen. Er sitzt meist im Schatten vor einem der Kioske, mit Plastikstuhl und lauwarmem Bier, und er vegetiert mehr, als dass er lebt. Aber er liest noch deutsche Zeitungen, wenn Touristen sie liegen lassen, das kommt inzwischen selten vor. In einer davon hat er einmal ein Foto gesehen: zwei übergroße Hände an einer Mauer in Berlin.

Dieter sagt es niemandem, vielleicht, weil ihm ohnehin keiner zuhört, vielleicht, weil er das Geheimnis als das Letzte betrachtet, was ihn mit diesem Ort verbindet. Stattdessen klagt er, wie er seit Jahren klagt: Tarrafal werde vom Fischerdorf im Nirgendwo zu einem „Mallorca für Arme“, mit Ferienwohnungen, Pauschalgästen und Cocktailkarten. Die Ironie entgeht ihm nicht ganz. Auch er kam einst als Fremder, auf der Suche nach dem Nirgendwo, und hat es durch seine Anwesenheit ein wenig weniger zum Nirgendwo gemacht.

Manuel Furtado und Dieter sind auf merkwürdige Weise Spiegelbilder. Der eine ist in Europa berühmt und in seiner Heimat unsichtbar; der andere ist ein Europäer, der in Tarrafal so lange unsichtbar geworden ist, dass er zum Inventar gehört. Beide hüten etwas, das niemand sonst sieht. Der Künstler hütet seinen Namen, der Aussteiger hütet das Wissen um ihn. Vielleicht liegt darin der eigentliche Sinn der unsignierten Bilder. In Europa ist Furtado eine Marke, deren Werke Preise und Schlagzeilen erzeugen. In Tarrafal sind sie einfach Bilder an Wänden, die man betrachtet oder übersieht, die verblassen und übermalt werden dürfen. Hier gibt er der Stadt zurück, was sie seiner Familie gegeben und genommen hat, ohne Rechnung und ohne Applaus. Das Dorf verändert sich, daran hat Dieter recht. Neue Hotels, neue Straßen, neue Gäste. Ob die Wandbilder dem Wandel standhalten, weiß niemand. Aber solange am Strand der alte Mann in seinem Betonkasten sitzt, mit einem Himmel voller Vögel über sich, erinnert Tarrafal sich an etwas, ohne zu wissen, wer es ihm erzählt hat. Mehr, so scheint es, hat Manuel Furtado nie gewollt.

Jens

Er fotografiert und manchmal schreibt er auch.

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