Wir müssen schon seit einigen Tagen unsere Planung am Wetter ausrichten. Im Grunde sind wir das im Urlaub gewohnt und reisen im Allgemeinen der Sonne hinterher. Hier machen wir das Gegenteil: Wir versuchen, uns ihr zu entziehen. So hatte ich schon vor ein paar Tagen die Idee, das Baskenland auf beiden Seiten der Pyrenäen zu besuchen. Das spanische San Sebastian ist meist etwas kühler als die Regionen nördlich der Pyrenäen. Das war auch heute so, immerhin 5 Grad, also nur 30°C. Unsere Ansprüche sinken mit den Möglichkeiten.

Aber von klimatischen Betrachtungen abgesehen: Es ist einfach toll, nur knapp 50 Kilometer entlang des Atlantiks zu fahren und in einem anderen Land zu sein. Unsere Sprachkenntnisse reichen auch dort aus, um nicht zu verhungern, zumindest wenn wenigstens ein bisschen Spanisch verstanden wird. Im Baskenland sollte man das nicht wirklich voraussetzen. Baskisch ist hinsichtlich der Schriftsprache ein großes Rätsel mit vielen „X“. Die Sprache passt so gar nicht zu unserer indogermanischen Sprachenwelt. Es ist die älteste noch erhaltene ureuropäische Sprache, wohl der einzige noch erhaltene euskarische Dialekt. Das Volk der Basken war nie wirklich eigenständig und eigentlich immer geteilt, aber selten unterworfen. Schon die Römer schafften es nicht, ganz Gallien und Hispanien zu unterwerfen. Eine kleine Volksgruppe in den Pyrenäen entzog sich den Lateinern. Das kleine gallische Dorf, dem Asterix und Obelix entstammen, war wohl eher ein kleines baskisches Dorf.

Auch im Mittelalter bewahrten die Basken häufig ihre Autonomie, im 20. Jahrhundert sollte sich das während der Franco-Diktatur ändern, Sprache und Kultur wurden verboten. Nicht unbekannt sollte jedem Deutschen der Begriff „Guernica“ sein, und zwar nicht wegen Picassos Gemälde, sondern wegen des Anlasses, der Pablo Picasso bewog, es zu malen: Die Zerstörung des baskischen Dorfes Gernika durch die Legion Condor und die Aviazione Legionaria. Umso großartiger ist es, dass wir heute einfach so die Grenze überqueren und dies nur an der Mautstation auf der Autobahn erkennen. Ein Hoch auf Europa! Uns fällt wieder einmal kein weiterer Kontinent ein, der dieses Erlebnis bieten könnte. Da kann sich der orangehaarige Greis auf der anderen Seite des Atlantik noch so oft hinstellen und behaupten, alle wollten wie die USA sein. Nein, wollen sie nicht! Keiner will der nächste Bundesstaat der USA werden, weder Kanada, noch Mexiko, erst Recht nicht Grönland, bei der Europäischen Union hingegen stehen potentielle Mitglieder Schlange! Keinesfalls ist bei uns alles Gold was glänzt, ganz bestimmt nicht, aber vielleicht sollten wir alle etwas stolzer auf das Erreichte sein, und dankbar, auch heute wieder im Angesicht dessen, was 1937 in Gernika nicht weit von hier passierte. Historiker sagen, Geschichte wiederholt sich nicht. Ich bin mir da nicht so sicher.

Aber jetzt nach San Sebastian, oder Donostia, wie die Basken es nennen. Wir sind nicht das erste Mal hier, unser letzter Besuch liegt aber lange zurück. Wir erinnern uns noch an die muschelförmige Bucht mit dem feinen Sandstrand mitten in der Stadt. Heute ist dieser richtig voll, verständlich bei der Hitze. Zum Samstag ist nicht nur der Strand proppenvoll, sondern die gesamte Innenstand – eine wirklich schöne Stimmung – trotz der Hitze.

Wir sind natürlich nicht nur wegen touristischer Gründe hier, sondern auch wegen kulinarischer Exploration. San Sebastian liegt am Kantabrischen Meer, an jedem Teil der Biscaya, der richtig tief ist. Und wo nährstoffreiches Tiefenwasser ist, gibt es Fisch, im speziellen Fall große Schwärme davon. Man sagt, es sind die besten Sardinen der Welt. Wir können das (noch) nicht vollständig überprüfen, aber wir arbeiten daran 😉 Als Zwischenfazit können dir dies schonmal unterschreiben.

Eine nur halbtägige Visite hier muss deshalb in kulinarischer Hinsicht gut geplant werden. Oberste Regel, die uns schon lang niemand mehr sagen muss: „Trau‘ keiner laminierten Speisekarte!“, zweitens: „Mach‘ ein Bogen um Paella!“, die gehört nicht hierher. Drittens und Viertens gäbe es auch noch, dies erspare ich der Leser:in hier, denn heutzutage ist es dank Internet viel einfacher. Wir planen unseren kulinarischen Rundgang durch die Stadt mit Google Maps bzw. ChatGPT. Das Optimierungspotential ist hoch, wollen wir doch die schönstens Bars besuchen und dabei die leckersten Pintxos probieren. Pintxos? Das ist die baskische Form der Tapas, die es hier in unzähligen Bars gibt. Jede Bar scheint sich auf ein oder zwei besondere Kreationen spezialisiert zu haben. Die Tresen in den Bars sind brechend voll mit den kalten Varianten, an denen wir uns bedienen. In anderen Bars wird die Liste der Angebote wie eine Reliquie von Gast zu Gast gereicht. Dem Personal hinter der Theke versuchen wir in dem kurzen Moment, in welchem seine Aufmerksamkeit nur auf uns ruht, mitzuteilen, was wir gern essen würden. Geistesgegenwärtig krame ich hier wieder einmal meinen englischen Decknamen aus, damit ich den Ruf nicht überhören werde, der von der Fertigstellung unserer Bestellung künden wird. „Jens“ würde ich niemals hören, wer weiß schon, wie es hier ausgesprochen werden würde, „Joe“, das weiß ich aus Erfahrung, erhöht die Erfolgsaussichten deutlich.

Die Stimmung in dieser Bar, wie vermutlich in jeder Bar hier ist international und phänomenal, im Grunde bräuchte ich schon gar kein Essen mehr. Der Ruf „Joe“ erschallt irgendwann trotzdem und der Teller mit Schweineschulter und ein weiterer mit Thunfisch wird über die Köpfe anderer Wartenden bis zu uns weitergereicht. Die Schweineschulter zerfällt ob ihrer Zartheit schon auf dem Wege zu uns und auch der Thunfisch ist auf den Punkt gegart. Noch einmal: Wir sind in einer Bar, essen so etwas wie baskisches Fastfood, wir sind nicht in einem Sternerestaurant! Zum wiederholten Mal frage ich mich, wie so etwas wie McDonalds diesen internationalen Siegeszug antreten konnte. Es ist dort weder billiger, geschweige denn besser! Zum Vergleich: Für die ersten 4 Pintxos mit Anchoas und Sardellen (erste sind fermentiert, die zweiten sauer eingelegt) haben wir pro Stück weniger als 3€ bezahlt.

Laut unseren Plan wartet die nächste Bar in 90 Metern auf uns. Wir finden auch diese, auch hier ist es rappelvoll, wir kapitulieren, wir sind satt – das ist sehr schade! Am Ende unseres mehrstündigen Rundgangs durch die Stadt sind wir sehr begeistert von allem, was wir sehen, beginnend vom schönen Strand mitten in der Stadt, vom Flair in den engen Gassen, von jeder einzelnen Bar und von den kulinarischen Angeboten. Unsere Auto ist inzwischen auch satt, es bekam dreiphasige Einheitskost im Parkhaus.

Wir fahren noch weitere 25 Kilometer entlang der Küste, die bei diesem Wetter traumhaft wirkt: azurblaues Wasser, gelbe Sandstrände in jeder einzelnen Bucht, dahinter tiefgrüne Vegetation, die hier tatsächlich noch kein Stück vertrocknet ist. Wir erreichen den Fischerort Getaria, finden aber keinen Parkplatz. So kehren wir um, verlassen alsbald die iberische Halbinsel, sind zurück in „Frantzia“, wie die Spanier Gallien nennen und bleiben trotzdem im Baskenland. Europa ist schon sehr besonders!

Damit wir nicht verhungern müssen, wurden in Bayonne ganz viele nette feine Kneipen und Bars angelegt. Wir verkosten zum wiederholten Mal Anchovis und Jambon de Bayonne. Der Schinken hier gilt als der hochwertigste in ganz Frankreich. Das lassen wir mal so stehen und sehen momentan keine Notwendigkeit an dieser Meinung etwas zu ändern.

Jens

Er fotografiert und manchmal schreibt er auch.

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