Bis gestern war ich mir sicher, woher sich der Name des Archipels ableitet. Ist die erste von uns besuchte Insel, São Vicente, noch ein Wüsteneiland, sind Santo Antão und Santiago grün. Damit ist der Name Cabo Verde für uns evident, bedarf keiner weiteren Erklärung. Das dachte zumindest ich – bis gestern.

Die Kapverden waren unbewohnt, als die ersten europäischen Seefahrer sie erreichten. Ein Kapokbaum im Inneren der Insel scheint als letzter Zeuge der primären Vegetation dem menschengemachten Landschaftsumbau zu trotzen. Es gibt keine Hinweise auf eine frühere dauerhafte Besiedlung, weder durch Afrikaner vom Festland noch durch andere Seefahrer. Die Geschichte des Archipels als menschlicher Lebensraum beginnt daher mit der portugiesischen Expansion im 15. Jahrhundert, und sie beginnt an einem einzigen Ort: in einem schmalen, grünen Tal an der Südküste von Santiago, dort, wo heute Cidade Velha liegt.

Der Weg durch das Tal trägt heute den treffenden Namen Banana Road. Seit der Eroberung Ceutas 1415 tasteten sich portugiesische Schiffe unter Heinrich dem Seefahrer immer weiter an der westafrikanischen Küste entlang nach Süden. Aus meiner Schulzeit kenne ich noch Vasco da Gama als den Entdecker des Seeweges um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien. Vor ihm stießen andere Seefahrer auf die Inseln im Atlantik. Wer die Kapverden zuerst sah, ist bis heute umstritten. Der Venezianer Alvise Cadamosto, der in portugiesischen Diensten segelte, behauptete, er habe 1456 einige der Inseln gesichtet, doch seine Darstellung gilt vielen Historikern als zweifelhaft. Belegt ist, dass der Genuese António da Noli und der Portugiese Diogo Gomes um 1460 die östlichen Inseln erreichten, darunter Santiago. Beide beanspruchten später den Ruhm der Entdeckung für sich. Die westlichen Inseln, darunter Santo Antão und São Vicente, wurden 1461 und 1462 von Diogo Afonso erkundet. Was die Seefahrer vorfanden, war wenig verlockend: vulkanisches, trockenes Land, unregelmäßige Niederschläge, kaum Süßwasser. Der Name Cabo Verde verdankt sich nicht den Inseln selbst, sondern dem gegenüberliegenden Kap auf dem afrikanischen Festland, dem heutigen Cap-Vert bei Dakar, 645 Kilometer von hier entfernt.

Dass die portugiesische Krone die Inseln dennoch besiedeln wollte, hatte strategische Gründe. Sie lagen günstig auf dem Weg nach Süden und vor der „Guinea“ genannten westafrikanischen Küste. Noch heute tragen mehrere westafrikanische Staaten diesen portugiesischen Begriff im Namen: Guinea (das frühere Französisch-Guinea), Guinea-Bissau, Äquatorialguinea.

Um 1462 teilte man Santiago in zwei Lehnsbezirke auf. Den Süden erhielt António da Noli, den Norden Diogo Afonso. Noli gründete im Süden die Siedlung Ribeira Grande. Der Name ist wenig originell. So heißt fast jede portugiesische Siedlung auf neuem Land, egal ob auf Santiago, auf Santo Antão oder auch auf Madeira. Die Wahl des Ortes war jedesmal klug: Ein Bach, der idealerweise ganzjährig Wasser führt; in einem Tal, an dessen Hängen sich Landwirtschaft betreiben lässt, eine Bucht, die Schiffen einen geschützten Ankerplatz bietet. Ribeira Grande auf Santiago gilt als die erste dauerhafte europäische Siedlung in den Tropen.

Die ersten Siedler waren wenige: Portugiesen, einige Genuesen, Abenteurer und Verbannte. Um mehr Menschen anzulocken, gewährte König Alfons V. den Bewohnern Santiagos 1466 ein weitreichendes Privileg, nämlich das Recht, an der Guineaküste Handel zu treiben. Damit war der Charakter der Siedlung für Jahrhunderte festgelegt – ein dunkles Kapitel: Ribeira Grande wurde zu einem der ersten Knotenpunkte des atlantischen Sklavenhandels. Von den Flüssen Guineas wurden versklavte Afrikaner nach Santiago gebracht, dort verkauft, getauft und weiterverschifft, zunächst nach Portugal und Spanien, später in die Karibik und nach Brasilien. Ein Teil blieb auf der Insel und arbeitete auf den Baumwoll- und Zuckerrohrfeldern. Auf Santiago gewebte Baumwolltücher, die „panos“, wurden ihrerseits zu einer Art Währung im Handel an der afrikanischen Küste. Aus dem Zusammenleben von Europäern und Afrikanern, häufig unter Zwang, entstand eine neue Gesellschaft. Hier liegen die Ursprünge der kreolischen Kultur Kap Verdes und der Sprache Kriolu, die bis heute die Alltagssprache des Landes ist. Wir Europäer kennen „kreolische Küche“, meist ohne zu definieren, was wir damit meinen, meist wissen wir es auch nicht, heute wollen wir es vielleicht auch nicht mehr wissen, ist es doch ein Blick zurück in die Kolonialzeit, in die Zeit des Sklavenhandels; Bedingungen die eine Vermischung unterschiedlicher Etnien und Völker zur Folge hatten, ein von Europäern erzwungener kultureller Austausch, nicht gefördert, sondern nicht verhindert.

Ihre Blütezeit erlebte die Stadt bis zum 16. Jahrhundert. Berühmte Seefahrer machten hier Station: Vasco da Gama 1497 auf dem Weg nach Indien und Christopher Columbus 1498 auf seiner dritten Reise. Die Kirche Nossa Senhora do Rosário gilt als ältestes erhaltenes Kolonialgotteshaus in den Tropen. Der Pelourinho, die Schandsäule auf dem Platz am Meer, stammt aus dieser Zeit. Der Reichtum zog Angreifer an. Francis Drake plünderte die Stadt 1585. Daraufhin errichteten die Portugiesen auf dem Plateau über dem Tal die Festung São Filipe. Sie konnte nicht verhindern, dass der französische Freibeuter Jacques Cassard Ribeira Grande 1712 erneut verwüstete. Von diesem Schlag erholte sich die Stadt nie mehr ganz. Die Verwaltung zog nach und nach in das besser zu verteidigende Praia auf dem Plateau weiter östlich, das 1770 offiziell Hauptstadt wurde. Die alte Stadt verfiel und erhielt ihren heutigen Namen: Cidade Velha, die alte Stadt. Im Juni 2009 wurde sie UNESCO Welterbe, was die heutige Bevölkerung nicht darin hindert, die historischen Stätten in ihren Lebensalltag zu assimilieren, ein Welterbe als Ort, an dem sich die Geschichte der Kolonialisierung, des Sklavenhandels und der Entstehung einer kreolischen Gesellschaft wie in einem Brennglas zeigt. Die Ruinen der Kathedrale, die Festung über dem Ort und der Pelourinho am Ufer erinnern daran, dass Kap Verdes Geschichte hier begann. Gut 60 Kilometer und zwei Stunden weiter nördlich, auf derselben Insel, liegt Tarrafal, wo dieselbe Kolonialmacht fünf Jahrhunderte später ihr berüchtigtes Lager errichtete.

Jens

Er fotografiert und manchmal schreibt er auch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert