Selten konnten wir in diesem Urlaub ausschlafen, heute aber ist es für uns recht komfortabel. Nicht 4:00 Uhr klingelt der Wecker, nicht 6:00 Uhr, nein: erst 8:00 Uhr. Wir haben Zeit fürs Frühstück, bis wir 9:00 abgeholt werden sollen. Bis heute Nachmittag unser Flug zurück nach Deutschland geht, haben wir noch zwei Positionen auf unserer Kairo-Liste: die Besichtigung der Zitadelle und des El-Khalil Marktes. Eigentlich hätte dies an unserem ersten Tag in Kairo am 8. Februar stattfinden sollen, fiel aber aus damals für uns noch unbekannten Gründen aus. Inzwischen hatten wir erfahren, warum: Unser Guide an diesem Tag war gesundheitlich dazu nicht in der Lage. Das bekamen wir damals nicht mit, andere Reisende berichteten uns im Nachhinein darüber, dass es ihm zunehmend schlechter ging und er sogar ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Wir hatten mit ihm die Pyramiden besucht und wunderten uns schon ein bisschen über die kargen Informationen während der Besichtigung, machten uns aber nicht daraus. Wir dachten uns, dass wir über die Pyramiden jetzt nicht so viele Informationen bräuchten, da wir genügend Dokumentationen darüber gesehen und viel darüber gelesen hatten.

Also sollen diese uns bisher entgangenen Sehenswürdigkeiten heute gezeigt werden. Sayed holt uns deshalb 9:00 Uhr im Hotel ab, zusammen mit dem uns gut bekannten Taxifahrer. Zuerst geht es zur Zitadelle, von welcher man einen Blick über die ganze Stadt haben soll. Außerdem steht in der Zitadelle auch die berühmte Alabaster-Moschee. Diese ist nicht die größte und schönste ihrer Art, wohl aber eine sehr bedeutende in der islamischen Welt. Heute ist Ägypten ein zentraler Staat in der arabischen Welt und Kairo eine der wichtigsten Metropolen des Islams. Als zahlenmäßig größte arabischsprachige Nation hat Ägypten großen Einfluss auf die anderen Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens.

Wir sind, was die Backschisch-Kultur betrifft, bestimmt aufgeschlossen. Wir wissen, dass dies in arabischen Ländern einfach dazugehört. Ohne Backschich geht hier einfach nichts, aber so langsam geht uns dies hier auf die Nerven. An der Einfahrt auf den Parkplatz zur Zitadelle gibt es ein Kassenterminal, an welchem die Gebühren entrichtet werden müssen. „Terminal“ ist zu viel geschrieben, es ist ein Häuschen, in welchem jemand sitzt, Geld entgegennimmt und dafür ein Ticket ausstellt – soweit, so gut. Vor der Kasse steht jedoch eine weitere Person, die vom Taxifahrer mindestens zwei Geldscheine entgegennimmt, einen davon abzweigt, in die eigene Tasche überführt, um dann den Rest an die Kasse weiterzugeben. Der Rückweg, also die Ausstellung des Tickets, erfolgt ohne weitere Interaktion. Wofür der zusätzliche Obolus entrichtet wird, entzieht sich unserer Kenntnis, für uns ist es eine Bezahlung ohne Erbringung einer Leistung, im weitesten Sinne also ein Backschisch oder einfach eine Bestechung, wofür auch immer.

Wir werden am Eingang entlassen, sprechen noch eine Uhrzeit für unser Wiedererscheinen am Eingang ab und versuchen eine Eintrittskarte zu bekommen. Laut Programm soll es hier eigentlich eine Führung geben. Dass wir jetzt keine bekommen, sondern die Zitadelle selbst erkunden sollen, stört uns nicht. Im Gegenteil, eigentlich ist es uns so viel lieber. Überall hängt ein QR-Code aus, über welchen wir online Tickets erwerben können. Das funktioniert aber nicht. Die aufgerufene Website ist seehehr langsam, nach Eintragen aller Daten bricht der Prozess der Buchung ab. So etwas ist genau mein Ding, ich bin hinreichend begeistert 😒. Also stellen wir uns an der Kasse an und kaufen unsere Tickets direkt. Auch das ist ein langer Prozess mit allerlei Latenzen bei der Bezahlung ohne Bargeld, das sehen wir schon bei den Transaktionen aller vor uns Stehenden. ApplePay schein garnicht zu funktionieren, zum Glück haben wir noch eine Sammlung physischer Bezahlmöglichkeiten. Wir hätten sogar Bargeld, das wollen wir aber zurückhalten, müssen wir doch noch die ein oder andere Gefälligkeit vergüten. Einige Zeit später haben wir erfolgreich Tickets erworben und können mit der Besichtigung beginnen.

Das Militärhistorische Museum sparen wir uns, wie beschränken und auf die Alabaster-Moschee und den Ausblick. Unser Eindruck von Kairo ändert sich auch beim Blick über die Stadt nicht, es bleibt für uns ein Moloch, ziemlich farblos und dunstig. Wir vergleichen ein bisschen mit Marokko und Jordanien, mit Fès und Amman. Daran kann Kairo für uns nicht anknüpfen, alles scheint unter einer Schicht aus Sand oder Dunst zu liegen. Von hier aus soll man in der Ferne die Pyramiden in Gizeh erkennen können. Tatsächlich sehen wir sie. Das sieht schon sehr speziell aus, dass man am Rande dieser riesigen Siedlungsfläche mit mehr als 20 Millionen Bewohnern, so ganz genau weiß man das nicht, das einzige noch verbliebene antike Weltwunder sehen kann. Später, als wir wieder abgeholt werden, berichten wir Sayed davon. Er will es gar nicht glauben, wir müssen ihm ein Foto davon zeigen. Das, was wir heute als dunstig empfunden haben, ist offenbar eher klare Sicht, so unterschiedlich kann die Empfindung sein.

Als nächstes versuchen wir Einlass in die Moschee zu bekommen. Das ist für jeden Touristen einfach, zumindest solange keine Gebetszeit ist. Das wäre gegeben. Pflichtbewusst entledigen wir uns unserer Schuhe, wir sind schließlich erfahrene Moschee-Besucher, und werden trotzdem nicht eingelassen. Wir stehen am Ausgang. Falsche Seite, wir aber nicht dumm, einmal herum um das Gebäude, ein zweiter Versuch auf der anderen Seite lässt uns erfolgreicher werden.

Die Muhammad-Ali-Moschee heißt auch Alabaster-Moschee, weil es, die Leser:in ahnt es schon, vollständig mit dieser mikrokristallinen Varietät von Gips verkleidet ist. Die Kuppeln sind mit Bleiplatten gedeckt. Aus der Entfernung betrachtet, scheint die Moschee im Sonnenlicht zu leuchten, dass sahen wir schon bei unserer Ankunft in Kairo, selbst durch den Dunst, der immer über der Stadt zu liegen scheint. Das Bauwerk ist gar nicht so alt, erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie im osmanischen Stil fertiggestellt. Bei weitem wirkt sie auf uns nicht so imposant die die Hassan-II.-Moschee in Casablanca, kann sie auch nicht, sie ist viel kleiner.

Nach zwei Stunden und zwei Espressi treffen wir uns am Eingang mit unserem Taxifahrer und unserem Guide Sayed. Letzter betont immer wieder, dass er kein Reiseführer, sondern ein Reiseleiter sei, der für uns alles organisieren und arrangieren würde. Wir sagen nichts dazu, denken uns aber unseren Teil. Wir machen bestimmt keine Reise, die durchaus nicht zu wenig Geld kostet, um uns dann einer „Leitung“ unterzuordnen. Es ist im Grunde ganz einfach: Wer bezahlt, der bestimmt! Mit ihm werden wir bestimmt nicht mehr warm, lohnt sich auch nicht für den Rest des Tages. Für uns unterscheidet er sich mit seiner Leistung diametral von Walid in der Wüste und von Ismail auf dem Nil.

Nun fahren wir Richtung islamischer Altstadt, zum El-Khalil-Markt. Auch dort werden wir an der Stadtmauer entlassen. Einen Termin für unsere Rückkehr machen wir gar nicht erst aus. Wir würden uns via WhatsApp melden, WhatsApp? Ja, ihr lest richtig. Inzwischen hat Eva dies auch, widerwillig, aber notgedrungen. Eine andere Möglichkeit haben wir hier nicht. Uns ist es in 14 Tagen nicht gelungen, Ägypten von Threema zu überzeugen ;-). So ganz begeistert ist Eva nicht, dass wir hier allein durch die Altstadt schlendern sollen, als Frau ist es ja manchmal nicht so  angenehm hier. Aber es ist kein Problem, es ist Ramadan, das Stadtviertel liegt im Koma. Die Hälfte der Läden sind Lebensmittelstände, sie öffnen erst nach Sonnenuntergang. Geöffnet sind lediglich die Läden mit allerlei Kitsch und Tand. Am Rande der Gassen finden wir viele Moscheen und Medresen (Koranschulen). Hier wird überall Eintritt erhoben. Wiederum versuchen wir online ein Ticket zu erwerben, wieder scheitern wir, genau wie vor der Zitadelle. Die physischen Ticketschalter akzeptieren nur Bargeld. Also lassen wir es. Ein Hammam sieht offen aus, ohne Einlasskontrolle. Wir gehen hinein. Drinnen werden wir in Ruhe gelassen. So ganz im Sinne der Erfinder ist dies wohl nicht, wie wir rückwegs erkennen werden.

Am Straßenrand entdecken wir einen kleines Kunstatelier, welches gerade öffnet. Die Betreiberin, eine junge Frau, ist noch mit der Auslage vor dem Geschäft beschäftigt. Eine Bild mit Wüstenthema gefällt uns, wir gehen aber weiter. Irgendwann haben wir genug, und treten den Rückweg an. Unwillkürlich vergleichen wir das Gesehene mit s, unserem Maßstab für arabisches, wuseliges Stadtleben. Damit kann El-Khalil nicht mithalten, vielleicht liegt es an der Tageszeit, es ist Mittagszeit, ganz sicher liegt es am Ramadan. Auf dem Rückweg entdecken wir wieder das Kunstatelier. Wir sprechen die junge Frau an und fragen explizit nach diesen Bild, ob sie die Künstlerin sei. Nein, sie sei es nicht, aber ihr Bruder. Sie zeigt uns noch mehrere ähnliche Bilder mit Wüstenthema von ihm. Wir lehnen ab, wir interessieren uns genau für das zuerst von uns entdeckte Bild. Wir verhandeln nicht über den Preis, wir akzeptieren ihren Vorschlag. Das ist vielleicht nicht schlau von uns, der Preis jedoch hält sich in engen Grenzen. Wir machen ihr verständlich, dass wir kein Bargeld hätten und deshalb erst welches organisieren müssten. Der nächste ATM st nicht weit. Wir sind inzwischen so geübt, dass wir den Automaten auch in Arabisch bedienen können. So viele Geldautomaten wie in Ägypten haben wir die ganzen letzten Jahre nicht benutzt, weder auf Reisen noch zu Hause. Zurück bei unserem Bild händigen wir der jungen Frau das Geld aus, sie nimmt die Leinwand vom Rahmen, versieht es mit einem Echtheitsnachweis des Künstlers und verpackt es sicher für uns. Wenn wir mit unserem Erwerb ihr heute einen erfolgreichen Tag beschert haben, dann sind wir zufrieden, zusätzlich zu dem Umstand, dass wir jetzt ein Wüstenbild mehr zu Hause haben werden. Kurz vor dem Stadttor angekommen, kontaktiert Eva Sayed. Wir warten ein paar Minuten vor dem Tor, bis unser Taxi vorfährt, für einen letzten Transfer bis zum Flughafen.

Dort angekommen, entlohnen wir den Taxifahrer. Entlohnung ist das falsche Wort, bezahlt wird er von der Agentur. Wir sind nur für das Backschisch zuständig. Wir haben das Gefühl, er ist sehr zufrieden mit uns, wir verabschieden uns mit Handschlag. Er hat uns fast die ganze Zeit in Kairo kutschiert und legte dabei einen ausgesprochen defensiven und ruhigen Fahrstil an den Tag. Damit scheint er eine Ausnahme in Kairo zu sein, uns gefiel das gut. Wir hatten dabei nicht den Eindruck, dass er mehr Zeit für die Strecken benötigte als andere Fahrer. Nun steht noch die Entlohnung unseres „Reiseleiters“ an. Die Empfehlung unserer Agentur runden wir großzügig auf. Verglichen mit den Beträgen, die wir gern in der Wüste und am Nil wählten, fällt der Obolus heute deutlich geringer aus – mit Absicht. Wie wir inzwischen wissen, kommunizieren die Guides untereinander über ihr erhaltenes Backschisch. Sayed wusste ganz genau, was Walid In der Wüste von uns bekommen hatte. Wahrscheinlich begründete sich daraus eine Erwartungshaltung an uns. Jetzt haben wir ihn enttäuscht. Das haben wir bewusst gemacht. So wirklich abgeholt fühlten wir uns nicht von ihm. Der erste Eindruck ist manchmal entscheidend. Und schon dieser fand etwa 30 Minuten zu spät statt. Für uns bleibt er ein ziemlich unverbindlicher Typ. Wir verabschieden uns von ihm weder mit einer Umarmung wie mit Ismail, noch mit einem tieferen Gedankenaustausch wie mit Walid. Wir sind nicht unzufrieden hier in Kairo, Sayed muss sich aber dem Vergleich mit seinen Kollegen stellen und diesem Vergleich hält er zumindest unserer Meinung nach nicht stand. Dabei lassen wir sogar unbeachtet, dass es uns am Flughafen nochmals Geld abknöpfen will für seine heutigen Leistungen. Wir hätten das sogar des lieben Frieden Willens bezahlt, jedoch funktioniert am Flughafen kein ATM. Am Ende geht es auch ohne Bezahlung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Inzwischen haben wir die zahlreichen Sicherheitskontrollen am Flughafen hinter uns. Diese Kontrollen beginnen schon vor dem Einlass in das Flughafengebäude und wiederholen sich nach dem CheckIn. Immer wieder obliegt es dem Zufall, was jeweils beanstandet wird. Dieses Mal haben wir Glück:Nichts. Gestern schon checkten wir online ein, um dabei festzustellen, dass wir keine Plätze am Notausgang haben würden. In unseren  Reiseinformationen stand dies anders. Wir hätten das selbst herausbekommen können, anhand der Sitzreihe, hatten wir aber nicht gemacht. Ich bin mir sicher, dass wir die Plätze am Notausgang auch nicht bezahlt hatten. Wahrscheinlich waren zum Zeitpunkt der Buchung keine verfügbar. Die falsche Information in den Reiseunterlagen war bestimmt ein Copy-Paste-Fehler, dem keine Bedeutung seitens der Agentur beigemessen wurde. Ich ärgerte mich kurz, dass „Zwerge“ sich nicht vorstellen können, was 81 Zentimeter Sitzabstand für 2 laufende Meter bedeuten. Wieder stellten wir fest, dass es besser ist, wenn wir uns um Flüge selbst kümmern, dann wäre das nicht passiert. Im Zweifel hätten wir einen anderen Flug gewählt. Das Problem für uns ließ sich aber mit einem erschwinglichen Aufpreis lösen, in der Business Class waren noch zwei Plätze frei. Business Class ist bei Mittelstreckenflügen zwar schon längst nicht mehr das, was es früher einmal war, dafür sind aber die Preise auch moderat.

So genießen wir auf dem Rückflug nach Wien akzeptable Beinfreiheit, der Mittelsitz bleibt frei, dass wir hintereinander sitzen, ist verschmerzbar. Ein letztes Mal schauen wir von oben auf den Großraum Kairo. Ägypten verlassen wir über Alexandria, von oben schauen wir auf die Stelle, wo in der Antike der Leuchtturm von Pharos Seefahrern den Weg wies. Wir bekommen Verköstigung und diese ist ausnehmend gut. Vielleicht liegt das auch an unserem derzeitigen kulinarischen Horizont, der durch Ägypten recht eingeschränkt ist. Die Stewardess muss uns mitteilen, dass das Hühnchenmenü leider nicht für alle reichen würde und für uns nur noch Pasta verfügbar wäre. Welches Glück für uns, wachsen uns doch langsam schon Federn, genauso wie bei Stephan, der dies schon in der Wüste feststellte 😅. Sogar einen richtigen Filterkaffee bekommen wir, dafür müssen wir also gar nicht warten, bis wir zu Hause sind.

Der Flug vergeht schnell, es sind knapp 4 Stunden von Kairo bis Wien. Dort haben wir reichlich eine Stunde Zeit für den Weiterflug nach Berlin. Wieder müssen wir neben der Passkontrolle eine Sicherheitskontrolle über uns ergehen lassen. Dieses Mal ist mein ganzes Fotogepäck dran, jedes einzelne Gerät, jede Linse. Ich fühlte mich auch schon unwohl, dass ich jetzt 14 Tage ohne Schmauchspurenuntersuchung unterwegs sein musste 😉. Wir landen pünktlich in Berlin, die „Dehnung der Zeit“ ist vorbei, sie endete schon mit dem pünktlichen Abflug in Kairo. Unser Gepäck ist so ziemlich das erste, dank dem Priority-Tag, welches die Koffer aufgrund unseres Business-Fluges in Kairo bekamen. Unser Auto wartet schon auf uns, auf Hälfte der Strecke nach Hause laden wir die Batterie und ich nutze die Zeit um noch in der Nacht die ersten Tätigkeiten durchzuführen, welche im Urlaub liegen geblieben waren und keinen weiteren Aufschub mehr dulden. Als wir gegen 1:30 Uhr unsere Wohnung betreten. reicht es noch für ein Glas Wein, noch sind wir auf Reisen. Danach hat uns der Alltag wieder.

Jens

Er fotografiert und manchmal schreibt er auch.

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