Am Montagmorgen um fünf Uhr ist das Meer in der Bucht im Mondlicht noch nicht türkisfarben, nicht tiefblau, sondern silbrig schwarz. Nur dort, wo die kleinen Wellen auf den Sand laufen, blitzt ein schmaler Saum aus Schaum auf. Nhô Djack sitzt auf dem Bootsrand seiner „Moana“ und raucht die erste Zigarette des Tages. Er raucht sie langsam, als könnte er damit den Morgen ein wenig aufhalten. Die Boote liegen in einer langen Reihe auf dem Strand, mit dem Heck zum Wasser, gerade so, wie sie am Freitag, als die Männer das letzte Mal auf das Meer fuhren, herausgezogen wurden.
Gelb, rot, türkis, mit Namen, die mit dem Pinsel an die Planken gemalt sind: „Jael“, „Galileia“, „Amor de Deux“ und „Moana“. Nach und nach tauchen die Männer aus den Gassen auf. Keiner spricht viel. Ein „Bom dia“, ein Nicken, ein Witz über den, der wieder als Letzter kommt. Dann legen die Männer Rundhölzer in den Sand, verteilen sich an den Bordwänden, und auf ein kurzes „Bai!“ schieben sie das erste Boot hinunter. Das Holz knarrt auf den Rollen, der Kiel zieht eine Furche, und dann hebt das Wasser den Rumpf, als hätte es nur darauf gewartet. Nhôs Enkel, alle nennen ihn nur Kiki, achtzehn und größer als sein Großvater, springt zuerst hinein und reißt am Anlasserseil des Außenborders. Beim dritten Mal springt der Motor an.
Am Lagerhaus über dem Strand, im ersten grauen Licht, sitzt der alte Mann aus dem Wandbild in seinem Betonkasten und schaut auf die Vögel über ihm – und den Männern mit geschlossenen Augen nach.
Hinter der Landspitze wird das Wasser unruhiger. Die Boote fächern sich auf, jedes fährt zu seiner Stelle, die kein Fremder auf einer Karte finden würde. Nhô hat seine von seinem Vater: Man fährt so weit hinaus, bis der Gipfel des Monte Graciosa genau über dem Kirchturm steht, und dann noch zehn Minuten nach Westen.
Als die Sonne über die Berge steigt, ändert sich das Meer, aus Silberschwarz wird tiefes Blau. Kiki ködert die Handleinen mit Stücken von Bonito, Nhô lässt die erste hinunter, sechzig Meter, achtzig, hundert. Dann warten sie. Fischen, hat Nhô seinem Enkel einmal gesagt, ist zu neun Teilen Warten und zu einem Teil Glück. Kiki hat gefragt, wo denn das Können bleibe.
„Das Können ist, dass man das Warten aushält.“
(Anglerweisheit)
Gegen acht beißt der erste Garoupa, rotbraun, nicht zu schwer. Dann eine Weile nichts, dann zwei Muränen kurz hintereinander. Über den Männern kreisen Fregattvögel, schwarz und regungslos im Wind, und warten wie sie. Von Weitem hört man das Tuckern der anderen Boote, manchmal einen Ruf, ein Lachen, das über das Wasser trägt. Kurz nach zehn spannt sich Kikis Leine so plötzlich, dass er fast über Bord geht. Nhô sieht es an der Art, wie die Schnur durchs Wasser schneidet: Das ist kein Grundfisch, das ist auch kein Wahoo, kein Thun, es ist größer. Zwanzig Minuten kämpft der Junge, danach kämpft der Großvater mit, am Ende kämpfen alle, die Hände aufgerissen, zerschnitten von der Handleine. Dann liegt er längsseits am Boot, fast so lang wie das Boot selbst, silbern und blau, und für einen Moment sagen alle nichts. Es ist das Grauen jedes Fischers hier, solch einen Fang landen zu müssen, nicht immer gewinnen die Männer. Es ist ein Blauer Marlin, der König der Meere, eine Trophäe, für die reiche Europäer, Japaner und Amerikaner hierher kommen, um diesen Fang einmal im Leben zu machen. Die Trophäenjäger lassen den Fisch meist wieder frei, die Männer auf dem Boot haben diese Möglichkeit nicht, viel zu gefährlich.
Gegen Mittag füllt sich der Strand. Die Fischverkäuferinnen sind schon da, mit bunten Plastikschüsseln, Messern und Waagen, Tücher zum Schutz gegen die Sonne um den Kopf gebunden, Regenschirme als weiteren Sonnenschutz gebrauchend. Kinder rennen am Wasser auf und ab und rufen die Namen der Boote, sobald sie hinter der Landspitze auftauchen. Ein paar Touristen stehen mit ihren Handys da und wissen nicht recht, wohin mit sich.
Die Boote kommen eines nach dem anderen herein, laufen mit Schwung auf den Sand, und sofort sind Hände da, die ziehen, schieben, heben. Dann beginnt das Feilschen. Tia Nena, die seit vierzig Jahren am selben Platz steht, wiegt jeden Bonito in der Hand, bevor sie ihn auf die Waage legt, und sagt bei jedem Preis „Ka ta da!“, das geht nicht, bis man sich irgendwo in der Mitte trifft. Ein Teil des Fangs geht gleich in die Restaurantküchen ringsum, ein Teil auf dem Kopf der Frauen in die Dörfer hinauf, ein Teil abends in die eigenen Töpfe.
Als die „Moana“ anlandet, wird es kurz still am Strand. Dann ruft jemand Nhôs Namen, und dann rufen ihn alle. Als der Marlin am Strand liegt, raucht Nhô die zweite Zigarette des Tages und tut so, als ginge ihn das alles nichts mehr an.

Im Schatten des Kiosks, auf seinem Plastikstuhl, hebt Dieter seine Bierdose in Nhôs Richtung. „Bald fangt ihr die Fische nur noch für die Hotels“ murmelt er, aber leise genug, dass ihn keiner hören muss.
Um eins sind fast alle Boote zurück, bis auf eines. Die „Mãe Ana“ von Zé Lopes fehlt. Am Strand redet zunächst keiner darüber. Man zieht die Boote höher, spült die Planken, rollt die Leinen auf. Aber immer wieder dreht sich einer zur Landspitze um. Um kurz nach fünf steht Nhô auf, wirft die Kippe in den Sand und geht zur „Moana“. Ohne dass jemand etwas sagen muss, stehen vier Männer an den Bordwänden. Kiki will mit, Nhô schüttelt den Kopf, dann nickt er doch.

Sie finden die „Mãe Ana“ eine halbe Stunde draußen, treibend, der Motor tot, Zé auf der Ruderbank, mit seinem Hut Wasser aus dem Boot schöpfend und fluchend. Er hat einen guten Fang im Boot und einen kaputten Vergaser. „Ich hätte gerudert“, sagt er, als sie ihm die Leine zuwerfen. „Bestimmt“, sagt Nhô, „bis morgen früh“. Als sie die „Mãe Ana“ in die Bucht schleppen, ist der Strand fast leer. Nur Tia Nena wartet noch, mit einer letzten leeren Schüssel, und Zés Frau, die so tut, als wäre sie zufällig da. Die Sonne steht schon schräg über dem Lagerhaus.
Der alte Mann im Betonkasten hält die Augen geschlossen, die Fregattvögel über ihm fliegen in den Himmel hinaus.
Wie die interessierte Leser:in verfolgt hat, sind wir hier auf den Kapverden zwar allein und individuell unterwegs, aber nicht selbstorganisiert. Diese Aufgabe haben wir erstmalig in fremde Hände gegeben und können bis jetzt nur Positives darüber berichten. Zu unseren Reiseunterlagen gehört eine kleine Broschüre, in welcher beschrieben ist, wer uns wo abholt, wo wir ein Auto bekommen, wann wir fliegen, was vor Ort jeweils ansehenswert wäre. Den letzten Aspekt bräuchten wir nicht, da sind wir natürlich vorbereitet, wir sind ja nicht zufällig hier. Für unsere Tage hier in Tarrafal steht recht wenig in der Broschüre. Da steht „Relaxing am Strand von Tarrafal“. Das ist ja so gar nichts für uns, auch wenn wir es heute tatsächlich mal ins Meer geschafft haben. Und das nicht mal mit einem unstillbaren Drang, sondern eher, um die etwaigen Nachfragen nach dem Baden am Strand unter Kokospalmen mit „ja“ beantworten zu können.
Kurz gesagt: Wir haben Zeit, verfallen in Äquatoriallethargie, ein Zustand der hier überall festzustellen ist. Bei diesen Temperaturen ist das ganz normal. Neben Nichtstun bereitet Eva ein bisschen ihre Kurse vor, ich hingegen bin ein bisschen stolz auf mich und mache gar nichts für die Arbeit, außer Lesen und Weiterbilden, mich mit Dingen beschäftigen, für die ich sonst keine Zeit finde. Aber vor allem habe ich viel Zeit zum Beobachten und Herumspinnen. Gestern habe ich versucht, die jüngere kapverdische Geschichte mit den Murals zu verwursten und weil mit das Spaß gemacht hat, habe ich das heute mit den Fischern und ihren Geschichten versucht, die tatsächlich jeden Morgen vor unseren Augen hier rausfahren.
Dafür bin ich extra heute morgen zeitig aufgestanden…
Das bin ich nicht, der Äquatoriallethargie wegen, Eva hat für die Ausfahrt vor Sonnenaufgang, für den Marlin im Spülsaum und für Zé in seinem undichten Boot mit dem defekten Vergaser wieder ihr Sprachmodell bemüht. Das braucht dann schon ein paar Iterationen bis der Name am Boot richtig sitzt, die Reflexionen im Wasser halbwegs stimmig sind und die Langleine dem Marlin bis ins Maul geht.
Die Namen der Protagonisten sind frei erfunden bzw. eine statistische Erhebung auf der Insel. Kiki war zuerst etwas jünger, damit er aber so zeitig am Morgen mit aufs Boot durfte, musste er älter werden, um nicht die Schulpflicht zu verletzen.
Die Namen der Boote sind original, das habe ich im Laufe des Tages inspiziert, auf den Bildern unten könnt ihr die Boote mit ihren Namen finden. Marline gibt es hier wirklich, die Kapverden sind ein Hotspot für die großen Schwertfische. Dass ein Fischer einen Marlin mit der Leine fängt, ist nicht auszuschließen, aber unwahrscheinlich, die Fische jagen weiter draußen im Ozean, irgendwie wollte ich aber die abgehobenen Trophäenangler in Opposition zum Erwerbsleben der Fischer stellen, dafür schien mir ein Blauer Marlin geeignet.
