In den Herbstferien 2001 begann auf Madeira eine Reise, die uns über ein Vierteljahrhundert immer wieder auf die Inseln des östlichen Atlantiks führen sollte. Damals ahnten wir noch nicht, dass daraus eine Entdeckungsreise durch eine ganze geografische Region werden würde: Makaronesien.
Madeira, die Kanarischen Inseln, die Azoren und schließlich die Kapverden. Vier Inselgruppen, weit verstreut im Atlantik, vor den Küsten Europas und Afrikas, die „Inseln der Glückseligen“.
Es ist bestimmt kein Zufall, dass unsere Erinnerungen an 25 Jahre Makaronesien eng mit der Pflanzenwelt dieser Inseln verbunden sind. Fast jede Insel steht für eine Pflanze, einen Baum oder eine Landschaft, die uns besonders beeindruckt hat, nicht immer sind es die gleichen Pflanzen, die Philip Barker Webb beeindruckten.
Da ist die Baumheide auf Madeira, die in den feuchten Höhenlagen zu mächtigen Bäumen heranwächst. Die Heide wächst dort nicht als Zwergstrauch auf Friedhöfen, sondern als Baum, erreicht zehn Meter Höhe und mehr. Ihr Reich ist der obere Rand des Lorbeerwaldes und das Gebirge darüber. Auf dem Weg zu den Gipfeln in 1.700 Meter Höhe stehen knorrige, von Flechten und Bartmoos behangene Heidebäume im Nebel. Wenn die Passatwolken an den Bergen hängen bleiben, kämmen die feinen nadelartigen Blätter das Wasser aus der Luft. Es tropft zu Boden und speist Quellen und die berühmten Levadas, die Bewässerungskanäle der Insel.
Auf El Hierro begegneten wir den sturmgepeitschten Wacholderbäumen von El Sabinar. Was diese Bäume berühmt macht, ist ihre Gestalt. Der Nordostpassat streicht hier fast ununterbrochen über das Plateau, und über Jahrhunderte hat er die Wacholder zu Boden gedrückt. Ihre Stämme winden sich spiralig, die Kronen liegen waagerecht wie Fahnen, manche Äste kriechen beinahe über den Fels. Ein Baum am Weg ist zum Symbol der ganzen Insel geworden. Zugleich ist der Hain Mahnmal. Früher bedeckte Wacholder-Trockenwald große Teile der kanarischen Übergangszone zwischen Küste und Lorbeerwald, rund 200 bis 700 Meter über dem Meer. Das harte, harzige und kaum verrottende Holz war begehrt für Balken, Zäune und Werkzeug, und so wurden die Bestände fast überall abgeholzt. El Sabinar ist einer der wenigen Orte, an denen man noch ahnt, wie dieser Wald einmal aussah.
Die Azoren besuchend, lernten wir eine andere Seite Makaronesiens kennen. Dort ist das Grün allgegenwärtig, und der Atlantik sorgt für ein Klima, in dem Pflanzen beinahe verschwenderisch wachsen. Auf Terceira waren es zunächst die hohen Sicheltannen, deren gerade Stämme und dichte Bestände eine ganz eigene Waldwelt schaffen. Unvergesslich blieb uns aber auch der Blick von der Serra do Cume auf den eigentümlichen Felderflickenteppich der Insel. Unzählige kleine Weiden, durch Steinmauern voneinander getrennt, überziehen die Landschaft wie ein riesiges grünes Mosaik. Kaum irgendwo sonst haben wir eine so eindrucksvolle Verbindung zwischen der natürlichen Landschaft und ihrer jahrhundertelangen landwirtschaftlichen Nutzung gesehen.
Auf São Jorge beeindruckten uns die Fajãs, jene schmalen, fruchtbaren Küstenebenen am Fuß gewaltiger Steilhänge, die durch Lavaströme oder Hangrutschungen entstanden sind. Oft nur über steile Wege erreichbar, liegen sie wie kleine, grüne Inseln zwischen den Bergen und dem Atlantik. Hier wird besonders deutlich, wie die Menschen selbst die wenigen ebenen Flächen einer Vulkaninsel für sich zu nutzen wussten.
Auf Corvo, der kleinsten Insel der Azoren, war es vor allem die Einsamkeit, die uns in Erinnerung geblieben ist. Oben am Caldeirão, dem gewaltigen Kraterkessel, öffnet sich eine Landschaft aus grünen Hängen, kleinen Seen und Weideflächen. Keine Straßen, keine Häuser, kaum ein Zeichen menschlicher Gegenwart. Nur der Wind, die Wolken und diese ungeheure Stille. Selten haben wir die Abgeschiedenheit einer Insel mitten im Atlantik so unmittelbar empfunden wie dort.
Flores, schon auf der nordamerikanischen Platte, und ist der westlichste Punkt Europas. Wir sahen im Sommer die Insel von blauen Bändern durchzogen: Kilometerlang säumen Hortensien die Straßen, trennen Weiden voneinander und rahmen die Kraterseen. Es liegt nahe, den Inselnamen – Ilha das Flores, Insel der Blumen – auf sie zu beziehen. Doch der Name ist älter als die Hortensien. Er geht vermutlich auf die gelb blühende endemische Goldrute zurück, die die ersten Seefahrer im 15. Jahrhundert an den Küsten sahen. Die Gartenhortensie stammt aus Japan und Ostasien. Sie kam im 19. Jahrhundert als Zierpflanze auf die Azoren und wurde bald als lebender Zaun gepflanzt, weil sie dicht wächst und das Vieh fernhält. Ihr leuchtendes Blau verdankt sie dem Boden: In den sauren, vulkanischen Erden ist Aluminium gut verfügbar, und es färbt die Blüten blau statt rosa. So ist das Bild, das heute für die Azoren steht, eigentlich ein importiertes. Die Hortensie verwildert, dringt in natürliche Vegetation ein und gilt auf den Inseln als invasive Art. Die Schönheit der blauen Hecken und der Verlust der heimischen Flora gehören auf Flores untrennbar zusammen. Noch eindrucksvoller blieb uns der Poço da Alagoinha in Erinnerung, jener von steilen, grünen Felswänden umschlossene See, in den zahlreiche Wasserfälle hinabstürzen. Hier scheint die Vegetation jeden verfügbaren Platz einzunehmen. Besonders beeindruckten uns die mächtigen, stellenweise mannshohen Moosdecken, die Felsen und Hänge überziehen und der Landschaft etwas beinahe Unwirkliches verleihen. Wasser, Nebel und üppiges Grün bestimmen das Bild – ein eindrucksvoller Gegensatz zu den trockenen Vulkanlandschaften, die wir später noch kennenlernen sollten.
Und dann die Drachenbäume auf Teneriffa und den Kapverden. Mit ihren ungewöhnlichen Kronen wirken sie wie Bäume aus einer anderen Zeit, als stamme er aus einer anderen Erdepoche: ein dicker, glatter Stamm, darüber ein Schirm aus gegabelten Ästen, an deren Enden Schöpfe schwertförmiger Blätter sitzen. Wird die Rinde verletzt, tritt ein Harz aus, das an der Luft tiefrot wird – das Drachenblut. Es diente als Farbstoff, Firnis für Geigen und Heilmittel und wurde schon in der Antike gehandelt.
Auf La Palma und Madeira wanderten wir durch die immergrünen Lorbeerwälder, auf La Gomera begegneten wir diesen Wäldern erneut. Dort blieb uns besonders die Gelbdistel in Erinnerung, die zwischen dem üppigen Grün ihre eigene, wehrhafte Schönheit entfaltet. Im Herzen La Gomeras liegt die Laurasilva. Wir drangen in sie ein und standen in einem grünen Dämmerlicht aus moosbewachsenen Stämmen, Farnen und dichtem Kronendach, oft eingehüllt in Nebel. Die Lorbeerwälder sind ein Relikt, Überreste einer Vegetation, die vor Millionen Jahren auch in weiten Teilen Europas verbreitet war, mit den Eiszeiten und einem trockeneren Klima verschwanden sie. Auf den atlantischen Inseln aber, wo der Ozean die Temperaturen ausgleicht, konnten sie überdauern. Die Wälder bestehen nicht aus einer einzigen Lorbeerart, sondern aus mehreren Bäumen mit ähnlich ledrigen Blättern. Sie alle leben vom Passat: Die feuchten Wolken ziehen durch die Kronen, Blätter und Moose fangen die Tröpfchen ein. Dieser „horizontale Regen“ hält die Quellen der Inseln am Leben.
Je weiter wir nach Süden kamen, desto deutlicher veränderte sich die Pflanzenwelt. Auf Santo Antão wachsen Papaya, Mango und Bananen in den grünen, wasserreichen Tälern, während nur wenige Kilometer entfernt kahle Berghänge zum Atlantik abfallen. Nirgendwo sonst wurde uns der Gegensatz zwischen Trockenheit und tropischer Vegetation so deutlich vor Augen geführt. Das Wasser entscheidet darüber, ob eine Landschaft karg bleibt oder sich in einen üppigen Garten verwandelt.
Schließlich Fogo. Wein und Kaffee auf einer Vulkaninsel, deren schwarze Lavafelder auf den ersten Blick kaum Leben erwarten lassen. Reben, die zwischen Lavagestein wachsen, und Kaffeepflanzen an den fruchtbaren Hängen des Vulkans. Gerade hier konnten wir noch einmal erleben, wie eng Kargheit und Fruchtbarkeit beieinanderliegen und wie Menschen gelernt haben, die besonderen Bedingungen ihrer Insel zu nutzen.
Natürlich waren es nicht nur die Pflanzen, die uns über 25 Jahre immer wieder auf diese Inseln zogen. Es waren die Wanderungen durch die Berge und entlang von Levadas, die Besuche der Vulkanlandschaften, die kleinen Dörfer, die Fischer am frühen Morgen, die Märkte und die Begegnungen mit Menschen, deren Alltag sich oft so sehr von unserem unterscheidet.
Es waren die Gegensätze, die uns faszinierten: feuchte Lorbeerwälder und trockene Hochebenen, grüne Täler und schwarze Lavafelder, steile Küsten und weite Blicke über den Atlantik. Und immer wieder der Passat, der Wolken über die Berge treibt, Landschaften in Nebel hüllt und das Klima dieser Inseln so entscheidend prägt. Der Atlantik war dabei die große Konstante. Mal tiefblau und beinahe unbewegt, mal grau und aufgewühlt, mal nur als schmaler Streifen zwischen den Bergen zu erkennen. Er trennt diese Inseln voneinander und verbindet sie zugleich.
In diesen 25 Jahren haben wir nicht nur viele Inseln kennengelernt. Auch unsere Art zu reisen hat sich verändert. Wir sind älter geworden, vielleicht etwas langsamer und auf jeden Fall aufmerksamer für manches, an dem wir früher vorbeigegangen wären. Nicht mehr jeder Weg muss bis zum Ende gegangen, nicht jeder Aussichtspunkt erreicht werden. Manchmal ist es viel interessanter, irgendwo zu sitzen, hinzusehen und einfach die Umgebung auf sich wirken zu lassen.
Nun sitzen wir auf Santiago, der letzten Insel unserer diesjährigen Reise. Hinter uns liegen die schwarzen Lavafelder von Fogo, die grünen Täler Santo Antãos und die Erinnerungen an all die anderen Inseln, die wir in einem Vierteljahrhundert besucht haben. 25 Jahre Makaronesien. Was 2001 in den Herbstferien begann, findet nun, wieder in den Herbstferien, einen vorläufigen Abschluss. Wir haben alle vier Archipele bereist, manche Inseln mehrfach besucht, andere nur ein einziges Mal. Und noch immer gibt es Orte, die wir gern kennenlernen würden, und Wege, die wir noch nicht gegangen sind.
Rückblickend ist aus vielen einzelnen Reisen eine zusammenhängende Geschichte geworden. Eine Geschichte von Inseln, die durch ihren vulkanischen Ursprung, den Atlantik und ihre Pflanzenwelt miteinander verbunden sind und die doch jede für sich ihren ganz eigenen Charakter besitzen. Vielleicht ist es gerade die Pflanzenwelt, die uns als grüner Faden durch diese 25 Jahre begleitet hat, von der Baumheide Madeiras bis zu den Weinreben in der Chã das Calderas auf Fogo erzählt sie von Anpassung und Widerstandskraft, von den unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und davon, wie vielfältig das Leben selbst auf vergleichsweise kleinen Inseln sein kann.
Wir nehmen unzählige Bilder und Erinnerungen mit nach Hause. Und die Erfahrung, dass es sich lohnt, manche Regionen nicht nur einmal zu besuchen, sondern über viele Jahre hinweg immer wieder dorthin zurückzukehren. Ein endgültiger Abschied von Makaronesien ist das nicht. Schon im Februar 2027 werden wir wieder nach Madeira reisen. Dorthin, wo vor 25 Jahren alles begann. Wir werden neue Levadas erwandern, vertraute Landschaften wiedersehen und vielleicht auch Orte entdecken, die wir bei unseren früheren Besuchen übersehen haben. Es wird dieselbe Insel sein wie 2001, 2008 und 2013, wir aber werden sie mit anderen Augen sehen, mit den Erfahrungen eines Vierteljahrhunderts und all den Erinnerungen an die anderen Inseln Makaronesiens im Gepäck.
So schließt sich nach 25 Jahren ein Kreis, ohne dass unsere Reise zu Ende geht. Zwischen der Baumheide Madeiras und den Weinreben Fogos liegen 25 Jahre unseres gemeinsamen Lebens, viele tausend Kilometer und unzählige Erinnerungen. Und schon im Februar beginnt das nächste Kapitel.
