Wir erwachen am Morgen ohne Wecker, ein Zeichen dafür, dass wir ausgeschlafen sind. Schauen wir vom Balkon unseres Hotelzimmers übers Meer, hinüber zu den für uns namenlosen Nachbarinseln, fühlen wir uns ein bisschen in die griechische Ägäis versetzt, nicht unbedingt landschaftlich, das erinnert uns hier an die Azoren – das Azurblau des Meeres das Grün der Hänge – aber hinsichtlich der inneren Ruhe und Gelassenheit könnten auch ein paar alte Griechen hier sitzen und Schach oder Backgammon spielen. Verteilten wir unser Pensum in diesem Urlaub auf alle Tage, dann wären wir nach einer Woche heimgeflogen. Das ist keine Kritik, nicht an uns, nicht an dieser Reise. Es ist vielmehr ein Tribut: ein Tribut, welcher bei 14°57’N zu entrichten ist. Das wussten wir vorher, spüren ist aber etwas ganz anderes.
Tag und Nacht sind etwa gleich lang, ein paar Minuten mehr gibt uns die Sonne noch, bis sie um Weihnachten den Äquator überschreitet. Zur Zeit sind die Tage etwas länger als zu Hause, das ist seit Herbstanfang so. Bei uns heißt es Herbstanfang, hier ist es der Moment, wenn die Sonne im Wendekreis des Krebses steht, es sind die gleichen Regeln, es ist Astronomie. Aber nach dem gestrigen Sommertag folgt heute der nächste und morgen wieder einer, nächste Woche auch, und nächsten Monat wieder, weitere 30 Tage Sommer. Es fehlen Jahreszeiten, uns fehlen Jahreszeiten.
Noch wärmer als gestern und vorgestern ist es, gefühlt. Nein, das Thermometer sagt anderes, es zeigt dieselbe Temperatur wie immer. Die Luftfeuchtigkeit ist jedoch höher. Geht das? Mehr als 100%? Wenn die Luft das Wasser nicht mehr binden kann, dann fällt es aus, als Regen, als Tau. Ob das Wasser auf unserem Körper Tau ist oder Schweiß, beantworten unsere Nasen. Vor dem Urlaub freuten wir uns noch darauf, dem gerade einsetzenden Herbstwetter, nicht dem goldenen Herbstwetter, nein, dem anderen Teil, dem Novembergrau, zu entfliehen. Gerade sind wir uns nicht sicher, ob ein depressiv machender Novembermorgen nicht doch seine Vorzüge hat, oder 40°C im Wüstenklima von Bordeaux im Sommer, viel heißer, dafür trockener. Es liegt in der Natur, dass wir immer die Dinge herbeisehnen, die wir gerade nicht haben. Da sind wir nicht anders als die Tiere, damit trösten uns täglich Ziegen und Esel, unsere nächsten Verwandten hier, blenden wir die Streuner einmal aus. Die Futtersuche ist hier genauso schwierig wie anderorts: Futter, was sie hier nicht suchen müssen, ist dafür umso beschwerlicher auszuwählen, immer sind die leckersten Gräser, die schmackhaftesten Blätter dort, wo sie nicht hinkommen.
Die Insel ist fast kreisrund. Die Form prägt der Vulkan über uns, von dem wir nichts sehen. Beim Landeanflug gestern konnten wir einen kurzen Moment den Gipfel sehen, ansonsten versteckt er sich in Passatwolken, eben jenen Wolken, welche die Insel an den Hängen des Bergkegels noch grüner, noch fruchtbarer machen, als wir dies in Santo Antão sahen. Die Vulkanasche macht den Unterschied, bis zu drei Ernten sollen hier möglich sein, sogar Kaffee wird an den Hängen im Norden angebaut. Den Wein kennen wir schon, den probieren wir jeden Tag. Heute wollen wir die Pflanzen selbst sehen, an denen die Flaschen wachsen und die Geschichten dazu.
Erst aber besuchen wir São Filipe, den schönsten Ort der Kapverden. Es wäre euphemistisch zu behaupten, die Stadt würde florieren, würde atmen, dafür ist es zu warm, zu schwül oder auch beides. Alles läuft bedächtig ab, auch früh gegen 9:00 Uhr. Vorbei am Kunstrasenplatz, auf dem junge Fussballtalente ihren Idolen nacheifern, die in Europa spielen, die letzten Sommer der Welt die Kapverden zeigten, geht es in die historische Altstadt, kreolische Klänge klingen aus den renovierten Herrenhäusern. Sobrados, portugiesische Herrenhäuser, die in sämtlichen Farbtönen um die Wette strahlen, bunt bepflanzte, geschniegelte Dorfplätze, ein Rathaus im Kolonialstil und die in hellblau getünchte Igreja Nossa Senhora de Conceição mit ihren barocken Elementen verleihen der Stadt einen unverkennbaren Charme. Bunt und steil, keine Straße geht mehr als 10 Schritte geradeaus. Unfertige, betongraue Behausungen gibt es hier weniger; weniger Menschen haben weniger Träume, weniger Träume, die zerplatzen können. Die Sobrados sind renoviert, als Wohnhäuser genutzt, als Museen. Die alten Herren sind längst weg, die Menschen hier sind unzweifelhaft die Nachkommen ihrer Sklaven. In São Filipe wird sehr gerne über den endlosen Ozean philosophiert, so lesen wir. Man redet darüber, wie die Sonne blutrot wird, bevor sie ins Meer eintaucht. Man redet darüber, wie der Planet jeden Tag seine Kraft verlöre und die Kühle vom Meer heraufzöge und das Feuer nur noch im Herzen der Inselbewohner glühte. Nichts davon merkten wir gestern Abend, wir spürten die Hitze, überall.
Der Grund des Besuches dieser Insel hier ist für uns nicht São Filipe, es ist der Berg, der Vulkan über dem Ort. Der Gipfel, welcher der Insel den Namen gibt, der Gipfel, der Berg, der Vulkan, der die Insel ist. Nur er fehlte uns noch unter den Feuerspuckern im nördlichen Atlantik. Wir kennen Island, dort erlebten wir sogar einen aktiven Vulkan, wir kennen Teneriffa und die Nachbarinseln La Palma, La Gomera, El Hierro. Wir wissen, wie der Teide als höchster Berg im Atlantik diese Inseln und das Meer drumherum dominiert, wir kennen die Azoren, dort steht auf einer Insel der Zentralgruppe ein Modellkegel, der Ponta do Pico, auf ihm der Piquinho, sein kleiner Sohn. Nur der Pico do Fogo fehlte uns noch, der Feuerberg. Diese Lücke haben wir nun geschlossen. Zeit für eine Betrachtung haben wir hier, in 1700 Meter Höhe, am Fuße des Vulkankegels; hinter uns die Bordeira, eine steile Mauer aus Fels, Teil der Kraterwand des alten, viel größeren Vulkans, dessen Einsturz vor 73.000 Jahren einen riesigen Tsunami auslöste. Mindest 170 Meter hoch soll der Wellenberg gewesen sein, der die Westküste Santiagos traf und hundert Tonnen schwere Felsen vom Meeresgrund auf den Hügeln der Insel zurückließ. Lange war es ein geologisches Rätsel, woher diese Felsen ohne Bezug zur Insel kamen. Es war die Kraft einer Welle, welche die Monolithen vom Meeresgrund fortriss und auf Santiago in über 200 Meter Höhe niederlegte. Der Tsunami verlor danach schnell an Gewalt und erreichte die afrikanische Küste nicht, nicht immer läuft der Wellenberg mehrmals um den ganzen Planeten.
Hier in der Chã das Chaldeiras, die ein wenig aussieht wie die Cañadas del Teide, nur kleiner, beobachteten wir gerade den Sonnenuntergang, sahen zu, wie der Schatten der Bordeira, der Caldeirawand, immer höher stieg und die letzte Farbe aus dem Berg saugte, bis nur noch das Schwarz der erkalteten Lava übrig war. Auch der Pico do Fogo ist ein Stratovulkan, fast ein idealer Kegel, steiler als Teide, steiler als der Ponta do Pico, steiler als jeder Vulkan in Island, einen halben Kilometer höher als sein Vetter auf den Azoren, aber fast einen Kilometer niedriger als der Teide und er ist aktiv, aller etwa 20 Jahre erwacht er, das letzte Mal 2014, für mehrere Monate.
Ich sinniere über den Schatten, stelle mir vor, welchen Schatten der Berg morgen früh werfen wird und wohin und frage mich, was an diesen Vulkanen fasziniert. Gewiss, es ist das Feuer selbst: Unvergesslich ist es, aus sicherer Entfernung die Eruptionen eines Vulkans selbst zu erleben, nicht durch die Kamera eines anderen, nicht auf dem Sofa in einer Dokumentation, sondern selbst, mit eigenen Augen. Das ist es aber nicht nur, es ist auch die simple Form, der Berg als Körper, sein Angesicht als Fläche, als Dreieck, ebenso wie sein Schatten.
Wir könnten jeden einzelnen dieser Vulkane nach seiner Gefahr betrachten, nach seinen Ausbrüchen und seiner Glut. Wir können ihn, den Vulkan aber auch danach betrachten, was er mit Licht macht. Ein einzelner hoher Berg mitten im Meer ist wie der Zeiger einer riesigen Sonnenuhr: Er wirft einen Schatten, der über Wasser, Land und Wolken wandert, und er greift nach dem Himmel, sammelt Feuchtigkeit, zieht Wolken an sich und versteckt sich in ihnen. Die Vulkane im Atlantik, verteilt über fast fünfzig Breitengrade, zeigen, wie verschieden dieses Spiel sein kann: die Feuerberge Islands, der Teide auf Teneriffa, der Ponta do Pico auf den Azoren und der Pico do Fogo auf den Kapverden. Je weiter wir nach Süden kommen, desto höher steht die Sonne, desto kürzer werden die Mittagsschatten, und desto mehr verändert sich, was die Wolken mit den Gipfeln tun.
In Island steht die Sonne nie hoch. Selbst zur Sommersonnenwende erreicht sie mittags kaum fünfzig Grad über dem Horizont, im Winter kriecht sie nur für wenige Stunden über den Horizont, wenn überhaupt, wenn dichte Wolken sie nicht verdecken. Die Schatten der Berge sind deshalb immer lang. Im Juni, wenn die Sonne um Mitternacht nur knapp untergeht, wandern sie wie träge Uhrzeiger fast einmal ganz um die Gipfel herum, und Hekla oder Katla, oder der unaussprechliche Eyjafjallajökull legen ihre Silhouette mal nach Westen, mal nach Norden, mal nach Osten über ihre Gletscher. Dieses flache Licht macht die Landschaft plastisch. Jeder Lavawulst, jede Moosbuckelfläche wirft ihren eigenen kleinen Schatten, und der große Schatten des Berges legt sich darüber wie eine zweite, dunklere Landschaft. Die Wolken in Island kommen von allen Seiten, mit jedem Atlantiktief, mit dem Wind. Der Snæfellsjökull, der eisbedeckte Vulkan am Ende seiner Halbinsel, ist an vielen Tagen schlicht nicht da. Man sieht die Küste, die Felder, die Kirche, und dort, wo der Berg sein müsste, nur eine graue Wand. Wenn er sich dann zeigt, oft für eine Stunde am Abend, trägt er manchmal eine linsenförmige Wolke über dem Gipfel, glatt wie ein Hut, die der Wind über dem Eis formt und stundenlang an Ort und Stelle hält. In Island verdecken die Wolken die Berge nicht, sie gehören zu ihnen.

Selbst mehrfach so gesehen im Winter, jedoch niemals im Sommer, da versteckt sich der Berg meist in den Wolken.
Der Teide ist mit gut 3.700 Metern der höchste dieser Berge, und er wirft den längsten Schatten der Welt. Wer bei Sonnenaufgang auf dem Gipfel steht, sieht ihn nach Westen fallen, bei Sonnenuntergang nach Osten: ein riesiges, scharf begrenztes Dreieck, das sich über das Meer und die Wolken legt und bei klarer Luft bis zu den Nachbarinseln reicht, bis La Gomera am Morgen, bis nach Gran Canaria am Abend. Merkwürdig ist seine Form. Der Berg ist ein breiter Kegel, sein Schatten aber eine fast perfekte Pyramide mit spitzer Krone, gleich von welcher Seite man ihn betrachtet. Das liegt an der Perspektive: Der Schatten zieht sich viele Dutzend Kilometer weit in die Ferne, und wie bei Eisenbahnschienen laufen seine Ränder für das Auge auf einen Punkt zu. Wir blicken gleichsam einen langen Tunnel aus Dunkelheit entlang, dessen Ende weit draußen über dem Atlantik liegt. Und darunter liegt das „mar de nubes“, das Wolkenmeer. Der Passatwind schiebt feuchte Luft gegen die Nordhänge der Insel, und an einer Temperaturumkehr in etwa tausend bis zweitausend Metern Höhe staut sie sich zu einer flachen, weißen Decke. Der Gipfel des Teide ragt fast immer darüber hinaus. Hier verdecken die Wolken nicht den Berg, sondern die Welt unter ihm. Von oben sieht man nur Weiß, aus dem die Gipfel von La Palma und La Gomera wie Inseln auf einem zweiten Ozean auftauchen, und über dieses zweite Meer läuft der Schatten des Teide wie ein dunkles Segel.

(nicht fotografiert und deshalb nur gepromptet)
Ponta do Pico ist mit gut 2.350 Metern kleiner, ein fast makelloser Kegel, der aus dem Meer steigt und dessen kleiner Gipfelaufsatz, der Piquinho, wie eine Spitze auf der Spitze sitzt. Er steht so dicht an der Nachbarinsel Faial, dass er aus der Hafenstadt Horta das ganze Bild beherrscht. Am frühen Morgen, wenn die Sonne hinter ihm aufgeht, schickt er seinen Schatten über den schmalen Kanal nach Westen, und für eine kurze Zeit liegt Faial im Schatten eines Berges, der auf einer anderen Insel steht. Berühmter als sein Schatten aber ist seine Wolke. Kaum ein Berg trägt so oft einen Hut wie er. Feuchte Atlantikluft steigt an seinen Flanken auf, kühlt ab und bildet um den Gipfel einen Kranz, eine Kappe oder eine glatte Linse, die manchmal schräg sitzt wie eine Mütze. Auf Faial und Pico lesen die Menschen das Wetter daran ab. Je nachdem, wie der Berg den Hut trägt, kommt Regen, Wind oder ein schöner Tag. Anders als am Teide liegen die Wolken hier nicht unter dem Gipfel, sondern auf ihm. Der Berg verschwindet nicht in einem Meer, er setzt sich die Wolke auf. Und unten, an der Küste, wachsen in Lavasteinmauern, den currais, die Reben der Insel, schwarz eingefasst wie die Weinberge in der Caldeira des Fogo, nur grüner, feuchter, und unter einem Himmel, der selten lange still hält.

Die Spitze des Ponta do Pico ist oberhalb des Felsens in der Mitte zu sehen, die Mauer führt darauf zu.
Südlicher, auf Fogo, nur noch knapp fünfzehn Grad nördlich des Äquators, steht die Sonne steil. Zur Mittagszeit ist der Schatten des etwa 2.800 Meter hohen Feuerbergs kaum mehr als ein dunkler Saum am Fuß des Kegels, und die Menschen in der Chã das Caldeiras suchen ihren Schatten unter Feigenbäumen und Hauswänden, nicht unter dem Berg. Nur am Morgen, in jener kurzen Stunde, in der die tropische Sonne schnell steigt, legt sich die Silhouette des Kegels über den Boden der Caldeira, über die schwarzen Lavaströme und die grünen Flecken der Reben, und klettert die steile Wand der Bordeira hinauf.
Vor der Tropennacht kommt die Dämmerung dann rasch, und mit ihr verschwindet der ganze Berg, im Schatten seiner Bordeira, genauso plötzlich, wie er am Morgen gekommen war. Die Wolken auf Fogo folgen dem Passat. Sie stauen sich an der Nordostflanke der Insel, hängen am Kraterrand und quellen über die Bordeira in die Caldeira hinein, wie überkochende Milch über einen Topfrand. Der Gipfel selbst ragt manchmal über sie hinaus. Von Santiago aus soll man an klaren Tagen nur die Spitze des Pico über einem weißen Band schweben sehen, als gehöre der Gipfel zu keiner Insel.

So würde es aussehen, wenn wir den Hubschrauber mitgehabt hätten.
Wir begnügten uns mit der Sicht auf die Bordeira und ließen den Rest für uns illustrieren.
Und dann gibt es auf Fogo etwas, was die anderen Berge nicht kennen: die „bruma seca“, den trockenen Dunst, direkt aus der Sahara. Dann verschwindet der Berg nicht in Wolken, sondern in einem gelblich-grauen Schleier, der alle Umrisse weich macht und die Sonne zu einer blassen Scheibe dämpft. In dieser Zeit wirft der Berg keinen Schatten, er löst sich nicht auf wie im isländischen Nebel, er verblasst.
Reihten wir die Vulkane hintereinander, ergäbe sich eine Reise durch das Licht des Atlantiks. In Island sind die Schatten geduldig, sie kreisen im Sommer um die Gipfel, und die Wolken kommen und gehen mit dem Wetter, als hätten sie ein eigenes Recht auf den Berg. Am Teide wird der Schatten zum Schauspiel, zu einer geometrischen Figur auf einem Meer aus Wolken, das unter dem Gipfel liegt und ihn nie erreicht. Auf den Azoren setzt sich der Berg die Wolke auf und sein Schatten überquert einen Kanal, um auf eine andere Insel zu fallen. Am Fogo schließlich wird der Schatten kurz und flüchtig, die Wolken bleiben am Kraterrand hängen, und wenn der Berg verschwindet, dann oft nicht im Wasser des Himmels, sondern im Staub eines ganzen Kontinents. Allen gemeinsam ist, dass sie Licht nicht nur empfangen, sondern ordnen. Sie teilen den Tag in Licht und Dunkel, die Insel in feuchte und trockene Seiten, den Himmel in offen und verhangen. Wer an ihrem Fuß lebt, lernt, auf beides zu achten: wohin der Schatten fällt und was die Wolke am Gipfel verspricht. Vielleicht ist es die älteste Art, einen Vulkan zu verstehen, älter als jedes Seismometer.
Die Schatten der Vulkane erzählen von einer uralten Kraft, die aus der Tiefe der Erde stieg und Inseln aus dem Meer gebar. Schwarze Bimssteine liegen wie stumme Zeugen aus einer vergangenen Welt umher. Ob der Passatwind hier und auf den Kanaren, die Luftmassen, die der Golfstrom mit sich führt auf den Azoren oder Sturmtiefs auf Island: alle tragen den Geruch des Meeres hinauf auf die Gipfel. Unter diesen entsteht eine Landschaft rauer Schönheit, geheimnisvoll, einsam, teils voller Leben.
Auf Fogo sind die Schatten nicht nur dunkel, sie bewahren auch Geschichten: von Menschen, die sich an steilen Hängen angesiedelt haben, von Feldern, die fruchtbarer Boden zwischen dem Gestein hervorgebracht hat, und von Generationen, die gelernt haben, mit der Unberechenbarkeit des Berges zu leben. Wenn schließlich die Nacht hereinbricht, verschwindet die letzte Kontur des Berges im Dunkel nicht, die Silhouette wird dunkelsilber vom Mondlicht geformt; nicht immer, nicht so verlässlich tags, doch aber regelmäßig, im Takt der Monate. Der Himmel bleibt weit und offen, übersät mit Sternen; manchmal, wenn die Kraft des Passatwindes nicht reicht, um die Wolkendecke zu schließen.
Die Schatten der Vulkane sind mehr als ein Spiel des Lichts, sie sind das Gedächtnis ihrer jeweiligen Landschaft, in der Feuer und Wasser, Stille und Sturm, Vergänglichkeit und Ewigkeit aufeinandertreffen. Wer einmal im letzten Licht des Tages vor oder auf diesen gewaltigen Bergen gestanden hat, nimmt etwas von ihrer Stille mit sich, wie eine Erinnerung, an die ursprüngliche Kraft der Erde und an die Weite des Atlantiks. Kein anderes Meer weckt diese Faszination.
