Es ist fast schon ein bisschen langweilig, immerzu zu schreiben, dass das Wetter so toll ist. Aber auch der heutige Tag versprach sensationell zu werden. Da wir ja einiges vorhatten, klingelte am Morgen tatsächlich der Wecker (aber 8 Uhr ist durchaus noch annehmbar).

Unser erster Weg führte uns zum Rand von Europa und wir freuten uns schon darauf, ähnlich wie beim letzten Mal, an einen ziemlich verlassenen Ort zu kommen. Aber weit gefehlt! Oben angekommen, stellten wir mit Erstaunen und vielleicht auch Schrecken fest, dass dort eine große Aussichtsplattform gebaut wird. Die Zeit der Bustouristen ist nun auch dort angebrochen. Auch sonst waren wir nicht ganz allein, aber die Vorstellung, dass als nächstes Grönland kommt, ist schon beeindruckend. Manche behaupten, von hier aus das Glitzern der Eisberge Grönlands zu sehen, dass ist aber unmöglich – außer die Erde ist doch eine Scheibe und die Flacherdler haben Recht oder die Eisberge wären höher als der Mount Everest.

Die Klippen im Meer gehören zum Nationalpark Hornstrandir, der wohl letzen wirklichen Wildnis in Europa. Dort gibt es überhaupt keine Infrastruktur, man kann sich aber mit einem Boot von Ísafjörður übersetzen lassen und dort beliebig lange wandern und zelten. Allerdings muss man wirklich alles mitnehmen und den Müll auch wieder mitbringen. Das einzige Landraubtier Islands ist mit viel Glück auch zu sehen – im Winter schlohweiß, ist sein Fell im Sommer grau – der Polarfuchs.

So viel Glück, wie die Bilder suggerieren, hatten wir nicht (wir haben es gar nicht versucht), aber in unmittelbarer Nähe unseres Campingplatzes der letzen Nacht befindet sich eine Polarfuchs-Station.

Nochmal führte uns der Weg durch Ísafjörður, Brot wollte gekauft werden und dann ging es wieder Richtung Dynjandi. Diesmal wollten wir allerdings nicht durch die Tunnel, sondern über die Berge. In Þingeyri kamen wir direkt an einem netten Kaffee vorbei, das so laut rief, dass wir anhalten sollten – wir konnten nicht widerstehen. Eine Soup of the Day und eine fette belgische Waffel wechselten den Besitzer und füllten unsere Mägen. Kurz darauf wartete nämlich eine Fahrradtour auf das Sandafell, den Hausberg des Ortes auf uns, und die wollte ja nicht mit leerem Magen angegangen werden.

Dieses Kapitel kann kurz und knapp erzählt werden: Höhenlinien auf Karten wären etwas Feines. Die Fahrräder waren ausgepackt und auch kurz im Einsatz. Ich habe relativ schnell frustriert aufgegeben und das Fahrrad das erste Mal in die Gegend geschmissen (na ja, ich habe es einfach umfallen lassen 😉 ). Irgendwann war es Jens dann auch zu steil (ich glaube, er wäre nach oben gefahren, aber er wollte mich nicht allein zurücklassen). So bin ich mitsamt meinem Rad wieder nach unten gelaufen, da mir das Abenteuer zu abenteuerlich war und Jens ist nach dem Foto nach unten gefahren.

Ein Gutes hatte es, dass wir nicht bis ganz nach oben kamen: Wir waren noch eher am Dynjandi. Diesmal kamen wir von der anderen Seite und sahen den Wasserfall schon von Weitem wie ein Handtuch über den Berg gleiten. Das konnten wir uns nicht entgehen lassen. Das Wetter war noch sonniger als am Vortag und so sollte es wenigstens einen Stopp unten geben. Ich suchte mir mit meinem Buch und dem Skyr 🙂 einen Platz an einem Picknicktisch und Jens ging noch ein wenig fotografieren. Eigentlich war zu diesem Zeitpunkt am Wasserfall nicht viel los, es war ruhig, wenige Menschen, regelrecht friedlich. Und dann kamen sie, wie die 8. Plage fielen sie über den armen Wasserfall her (nachzulesen in 2 Mos 10,12). Wir hatten sie schon beim Tendern beobachtet: Kreuzfahrttouristen… Ohne Rücksicht auf Verluste stürmten die Amerikaner*innen den Wasserfall, Schilder, dass man den Weg nicht verlassen dürfe, galten für sie natürlich nicht und mit offenem Mund betrachtete ich das Spektakel, da ich nun auch wusste, was mir an diesem sonnigen Tag an diesem Ort so dringend zum Besteigen fehlte: Gummistiefel, die bis ans Knie reichten. Ich kam aus dem Lachen fast nicht mehr raus und ich entschuldige mich auch bei allen Lesern, die gern auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs sind, aber jetzt weiß ich wieder, was mir ganz sicher nicht fehlt. Ansonsten bleibt anzumerken, dass die Piste, auf der wir gestern den Dynjandi Richtung Norden verließen heute schon nicht mehr existierte und stattdessen eine neue Piste weiter unten am Wasser angelegt wurde. Es sieht auch ganz danach aus, dass diese noch asphaltiert wird. Zusammen mit den zwei Tunneln nach Ísafjörður wäre der Wasserfall dann auch schneesicher ganzjährig zu erreichen – vermutlich auch für Reisebusse. Ob das die sensible Natur hier lange verkraftet? Nach den heutigen Erfahrungen darf das bezweifelt werden.

Wir versuchten, das Spektakel zu verkraften und machten uns auf den Weg Richtung Látrabjarg, eigentlich noch gar nicht das Ziel des heutigen Tages, aber irgendwie hat auch dieser nur 24 Stunden. Die Klippe ist bekannt als Vogelparadies und wir hatten die Hoffnung, dass wir noch ein paar der putzigen Clowns der Lüfte, der Papageitaucher zu Gesicht bekämen. Da wir hinreichend spät dort waren, hatten wir Glück und diejenigen der Vögel, die sich noch nicht auf die Reise gemacht haben, kamen zurück an Land. Sie waren uns nah, sie sehen toll aus und man kann sich kaum satt sehen. Jeder, der hier mitliest, kann froh sein, dass er nun nicht alle 700 Fotos sehen muss, die Jens am Felsen gemacht hat, ein paar sind wohl tatsächlich unscharf geworden 😉

Auch hier konnten wir feststellen, dass der Tourismus immer mehr Einzug hält: Vor vier Jahren lagen wir noch bäuchlinks auf der Grasnarbe und streckten unsere Köpfe über die Klippen, um den Vögeln näher zu kommen. Heute steht auch hier ein Geländer. Für die Vögel ist das aber sicherlich nicht schlecht, haben diese doch so etwas mehr Ruhe vor uns.

Während des Vogelschauspiels hat sich der blaue Himmel dann tatsächlich einen grauen Mantel angezogen. Die Fahrt an den roten Strand Rauðisandur konnten wir canceln und so hatten wir gegen 22 Uhr einen Platz auf einer echt schönen Wiese in Breiðavík unweit des Vogelfelsens.

Die Isen (Den Begriff Isländer mögen die Einwohner Islands nicht) werden übrigens nicht müde darauf hinzuweisen, dass die Klippen von Látrabjarg der westlichste Punkt Europas seien. Das stimmt so nicht ganz, eine Klippe auf Flores, einer Azoreninsel, liegt noch etwas westlicher. Das würde aber angeblich nicht zählen, wäre doch Flores nur eine Insel. Und was bitte ist Island? Soviel zum Selbstverständnis der Isen, so macht man Urlaub auch nicht auf Island, sondern in Island. Aber vielleicht behalten sie sogar recht, wo doch neueste geographische Studien nahelegen, bei Island handelt es sich tatsächlich um einen eigenen Kontinent, der sich bis an den Rand der britischen Inseln erstrecken könnte. Wer mehr dazu wissen will, sollte man nach Islandia suchen.

Eva

Sie schreibt und selten fotografiert sie auch.

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