Hommage an das Eis

Vor ungefähr 20 Jahren entdeckten wir die Toskana als Frühjahrsreiseziel für uns. Die letzten 10 Jahre gewannen zwar meist andere Ziele, dies schmälert aber nicht den Reiz Mittelitaliens für uns.

Die eher langweilige Po-Ebene haben wir inzwischen genauso durchgequert wie den Apennin. Die Hoffnung, dass die Autobahn zwischen Bologna und Florenz endlich fertig werden würde, ist nach mehr als 20 Jahren wohl etwas verfrüht. Trotzdem – das Tal des Arno mit Florenz in der Mitte liegt jetzt vor uns. Jedes Mal, wenn wir hierherkommen, wird uns klar warum „Elbflorenz“ diesen Namen durchaus verdient: Die Ähnlichkeiten verblüffen immer wieder aufs Neue.

Erinnerungen kommen plötzlich wieder. Erinnerungen an Dinge, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich diese wusste. Fi-Pi-Li oder Fi-Si – in Beton und Asphalt gegossene Vokabeln, längst nicht mehr im Gedächtnis gespeichert, sondern tief im Rückenmark verankert: Fi-Pi-Li die Schnellstraße ohne Maut zwischen Livorno, Pisa und Florenz und Fi-Si, selbige zwischen Florenz und Siena. Genau diese nehmen wir jetzt unter die Räder.

In Poggibonsi werden wir abfahren. Ein völlig unbedeutender Ort, touristisch wie historisch uninteressant, aber dort liegt der Supermarkt, der uns in jedem Urlaub hier unsere Nahrungsvorräte fürs Campen wieder auffüllen lies. Selbstredend werden wir nur hier einkaufen und nirgendwo sonst.

10 Kilometer bergauf erreichen wir San Gimignano, das Manhatten der Toskana. Berühmt für seine mittelalterlichen Geschlechtertürme ist dieser Ort auch aus einem anderen Grund immer einen Umweg wert, nicht nur für uns, sondern auch für jene, denen wir es zeigten und die es selbst probierten: Eis. Nicht irgendein Eis. Das beste Eis der Welt.

In den jungen 2000ern gewann die Gelateria Dondoli auf der Piazza Della Cisterna jahrelang die Weltmeisterschaften der Eismacher. Weitere lokale Titel folgten. Hier lernte ich Eissorten kennen, deren Existenz noch immer außerhalb der Stadtmauern gänzlich unbekannt sind. Oder wer sonst bietet „Champelmo“, die geniale Mischung aus Grapefruit und Prosecco oder Erdbeer mit Rosmarin? Und zwar echte Erdbeeren und keine Hefepilze auf Sägespänen, die zufällig Erdbeeraroma ergeben. Oder Ricotta mit Blaubeeren, oder Brombeer-Lavendel – die Aufzählung könnte noch länger sein. Hier esse ich Eis bis die Zunge ob der Fruchtsäuren pelzig wird. Jedes Mal frage ich, welche geografische Besonderheit dafür verantwortlich ist, dass Eis außerhalb Italiens nicht dasselbe ist. Eine Antwort bekomme ich nie.

In 23 Jahren Ehe war es bisher ein Manifest, eine unveränderliche Konstante, ein Naturgesetz: Hier und nur hier gibt es das beste Eis der uns bekannten Welt. Aber heute passiert es: Eva vermisst „Gnutella“, ihr Lieblingseis aus Rom. Ja, ich gebe es zu, auch dort war das Eis so schlecht nicht, aber ein Vergleich mit „Champelmo“ geht jetzt ein bisschen zu weit! Gräben tun sich auf – jetzt – nach 23 Jahren!

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