Fès war über Jahrhunderte hinweg die seriöse, die ernste Hauptstadt des Landes. Von hier kamen die großen Kaufleute und Politiker. Hier steht die älteste Universität der Welt. Die großen Karawanen zogen von Timbuktu kommend durch die Sahara, über den Atlas bis hier her nach Fès. Die Kunsthandwerker veredelten die Rohstoffe, bevor sie als Schmuck oder Kupferwaren weiter nach Norden verkauft wurden. Fès ist zwar noch immer eine Königsstadt, doch gehen die großen Handelsrouten an der Stadt längst vorbei. Politische und wirtschaftliche Entscheidungen werden anderswo gefällt. Touristisch steht die Stadt weit im Schatten des lebenslustigen, fast frivol wirkenden Marrakesch. Fès ist vom kleinen Handel geprägt, von unzähligen Leder-, Teppich- und Silberwarenverkäufern, die aus der verwinkelten Altstadt einen großen Souk gemacht haben. In den weit über 1000 Gassen leben jetzt nach der Pandemie noch reichlich hunderttausend Einwohner, von denen vielleicht die Hälfte Handwerker sind – genaue Zahlen kennt niemand. Der Autoverkehr führt um die Stadtmauer, innerhalb dieser ist es ein Gewirr aus engen, manchmal nur schulterbreiten Gassen, wo sich Handwerker, Kinder, Touristen und kleine Eselskarawanen aneinander und an den Auslagen der Verkäufer vorbei drängen; ein Labyrinth von Wohn- und Einkaufsgassen, in dem wir uns mehr als einmal verirrten, hätten wir uns nicht der Führung durch Mohammed anvertraut.

Ein letztes Mal stehe ich auf der Terrasse unseres prächtigen Gästehauses, in dem Alt und Modern miteinander verschmelzen. Vom Prunk der alten Paläste, die sich die Händler und später die bedeutenden Politiker hinter hohen Mauern und umgeben von blühenden Gärten bauen ließen, ist weder von den Gassen aus, noch von hier oben etwas zu erahnen. Etwa 75 Jahre ist es her, als Familien die alten Paläste verließen, um in ein modernes Haus in der Neustadt zu ziehen – ein Haus mit Garage und mit großen Fenstern, die auf eine der breiten Straßen blickten. Sie drehten den Schlüssel in der Tür ihres Neubaus und sahen nie mehr zurück. Das war der Geist der Zeit: Man entledigte sich des Alten und Rückständigen. Es war die Zeit eines Exodus, der in den späten 1940er Jahren begann. Weg aus der engen Medina, hinaus in die helle Neustadt, vielleicht weiter in die Hafenstädte Rabat und Casablanca, wo die Wirtschaft boomte, oder noch weiter nach Europa – hinaus in die Welt.

Die leeren Häuser wurden von Bauern bezogen, die ihre Felder verlassen hatten und sich in der Stadt Arbeit und bescheidenen Wohlstand erhofften. Sie unterteilten Paläste und Innenhöfe mit Mauern, bauten in die herrschaftliche Größe winzige Verschläge, in denen Großfamilien lebten. Wo früher 80.000 Menschen wohnten, drängen sich später drei- oder viermal so viele. Mit dem Auszug der noblen Familien zerfiel die bürgerliche Stadtkultur in der Altstadt. Die neuen Bewohner verkauften die reich verzierten Brunnen, die farbigen Fenster und die herrschaftlichen Möbel zu einem Bruchteil ihres Werts an Antiquitätenhändler. Defekte Keramikwände ersetzten sie durch Billig-Imitationen. Erst in den 1990ern begann, was als Ruée, als Ansturm auf die Medina bezeichnet wird. Am Anfang dieses Sturms konnte man für wenig Geld einen Stadtpalast kaufen, und wer etwas drauflegte, bekam noch einen Garten dazu. Später schossen die Preise in die Höhe. Manchmal wurde ein Riad innerhalb weniger Tage um ein Mehrfaches teurer, wenn die alten Besitzer das Interesse eines Kunden witterten. Heute befinden sich von den 14.000 Villen viele in der Hand von Nichtmarokkanern. Schnäppchen wie vor zwanzig Jahren sind zwar keine zu machen, doch wer den Aufwand der Reparaturen nicht scheut, kann wohl noch heute zu einem vergleichweise geringen Preis ein schönes Haus finden.

Wir bekamen wieder ein klein wenig Einblick in diese Entwicklung. Als wir vorgestern Abend ankamen, führte uns der Kofferträger durch dunkle Gassen abseits der Ladenstraßen. Wir hatten die Orientierung längst verloren, als er in einer unscheinbaren Gasse an eine kleine Tür klopfte. Durch einen dunklen Hausgang, der nach Keller roch, gingen wir in Richtung eines Lichts, das von oben einsickerte. Wir bogen um eine Ecke, „Voilà, unser Riad“. Plötzlich standen wir in einem überdachten Innenhof, der über drei Stockwerke geht. Links und rechts sahen wir offene Salons, vor und hinter uns mächtige Türen aus Zedernholz, hinter einer dieser Türen weiter oben war unser Zimmer. Das Haus war wahrscheinlich irgendwann von Leuten bewohnt worden, die der alten Baukunst nichts oder nichts mehr abgewinnen konnten. Der Glanz des alten Palastes war längst verblasst, die Kronleuchter und stilvollen Lampen durch Neonröhren ersetzt, die Wände der dunklen Küche waren grau, aus Mauerritzen wuchsen Pflanzen – genauso sieht es in dem verfallenen Haus daneben aus. Heute erkennen wir hier im Riad wieder alte Details: Holzgitter vor den Fenstern und Schnitzereien in der Tür. Von der Dachterrasse unseres Riads, mit der Aussicht auf andere Dachterrassen sehen wir, was dieses Haus einmal war und was es wieder ist: Ein glanzvolles Stadthaus. Was jetzt fehlt sind die Reisenden, die das Riad wieder mit Leben füllen, noch liegt es in einem mehr als zwei Jahre andauerndem Schlaf.

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