Heute morgen noch im Mittelalter unterwegs, machen wir eine Zeitreise in die Antike. Wir verlassen Fès direkt nach Westen und durchfahren eine leicht wellige Landschaft, die im Frühjahr eher an die Toskana erinnern würde als an Nordafrika. Zur Zeit ist es jedoch sehr trocken und heiß, alle warten auf Regen. Schon voriges Jahr blieb er im Oktober aus. Klimawandel ist inzwischen auch hier im Bewusstsein, die Vokabel vernahmen wir gestern mehrmals von Mohammed.

Diese Region hat große Bedeutung als das landwirtschaftliche Zentrum des Landes. Jetzt sind es gerade Granatäpfel, die geerntet werden. Hochbeladen kommen uns immer wieder Lkws entgegen, welche Zwiebeln und Heu transportieren. Wichtigstes Anbauprodukt ist aber Wein. Bis an den Horizont reichen die Reihen der Rebstöcke. Ein ungewöhnlicher Anblick in einem islamischen Land. Wir spüren, dass wir noch in den mediterranen, Europa zugewandten, Regionen Marokkos unterwegs sind.

Die Weinfelder schlagen die Brücke zu den Römern, deren Spuren wir heute ein wenig folgen. Zwar waren die Phönizier die Ersten, die im Nordwesten Afrikas Wein anbauten, doch erst durch die Römer erfuhr der Weinanbau einen großen Aufschwung. Der Wein aus Mauretania Tingitana, wie die westlichste Provinz des Imperium Romanum genannt wurde, hatte in Rom einen hervorragenden Ruf. Durch die frühe Islamisierung Marokkos und das damit verbundene Alkoholverbot geriet der Weinbau völlig in Vergessenheit, bis er mit der Besetzung des Landes durch die Franzosen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederbelebt wurde. Nach der Unabhängigkeit Marokkos 1956 wird die Geschichte des Weinanbaus ein wenig undurchsichtig. Mal gestattet, mal verboten, mal illegal, aber doch irgendwie erlaubt. Seit den 1990er Jahren sind die Rebflächen in der Region Meknès – Fès stark ausgeweitet worden und man produziert mittlerweile einige sehr gute Weine. Mit dem „Chateau Roslane“ gibt es sogar einen international anerkannten Bordeaux. Die Weine gehen aber nicht nur in den Export, auch in Marokko selbst wird Wein getrunken, und das nicht nur von Touristen. Inzwischen nehmen bei den Marokkanern Bier und Wein nach Tee gemeinsam den zweiten Platz unter den meistgetrunkenen Getränken ein. Trotzdem bestehen aber Vorbehalte gegen den Weinkonsum. Vielleicht hat man deshalb das jährlich stattfindende „Fest des Weins“ in „Fest des Rebstocks“ umbenannt.

Volubilis

Ein wohlklingender Name, bedeutendste römische Ruinenstätte Marokkos, wie es heißt. Hinter dem Eingang zu diesem 40 Hektar großen antiken Freilichtmuseum führt ein gewundener Weg einen sanften Hang hinab, von dessen Gegenseite bereits Säulenreihen, Rundbögen und Mauern herübergrüßen. Zwei Zypressen neigen sich dekorativ zueinander und geben den Blick frei auf die Ruinen.

So waren unserer Erinnerungen. Heute wird hier gebaut, der Eingang ist provisorisch zwischen zwei Zaunsegmenten angelegt, die Säulenreihen und Rundbögen erreichen wir auf direktem Wege quer durch das Ausgrabungsgebiet – undenkbar in Europa. Besser, es wäre auch hier undenkbar. Vielleicht liegt es auch nur an der heißen Mittagsonne, deren Licht in der staubgeschwängerten Luft diffus gebrochen wird: Ich habe die Mosaiken in besserem Zustand in Erinnerung.

Die ältesten Siedlungsspuren in Volubilis reichen bis ins Neolithikum zurück. Schon zu Zeiten der Karthager war dieser Ort an einem sanft geneigten Abhang besiedelt. Wie eine punische Inschrift aus dem 3. Jh. v. Chr. nahelegt, existierte an der Stelle der späteren Römerstadt eine Siedlung, die wahrscheinlich Oualili hieß. Die Stadt wurde um 25 v. Chr. unter dem in Rom aufgewachsenen mauretanischen König Juba II. gegründet und nach der von Kaiser Caligula befohlenen Ermordung von dessen Sohn und Nachfolger Ptolemäus im Jahr 40 n. Chr. durch Rom annektiert. Unter den Römern war sie Residenzstadt der Provinz Mauretania Tingitana. Volubilis präsentierte sich als typisch römische Stadt mit breiten und geraden Straßen, mit Tempeln, Thermen, Forum und prächtigen Wohnhäusern.
Die Provinz Mauretania Tingitana erzeugte Getreide und Olivenöl im Überfluss, was einigen Großgrundbesitzern der Provinz durch die Ausfuhr nach Rom Reichtum und Wohlstand brachte. Eine weitere wichtige Einnahmequelle der Stadt und für die in der Umgebung ansässigen Berberstämme war der Export von damals hier noch wild lebenden Elefanten, Löwen, Leoparden und Bären. Die Stadt erlebte ihre Blütezeit mit bis zu 10.000 Einwohnern unter den Kaisern Septimius Severus (regierte 193 bis 211) und seinem Thronfolger Caracalla (bis 217). Die Berberstämme des Südens versuchten jedoch immer wieder, in das römische Gebiet vorzudringen, worauf die Verwaltung der Provinz in der Mitte des 3. Jh. nach Tingis, das heutige Tanger, verlegt wurde.

Die Römer verloren Nordafrika im 5. Jahrhundert an die Vandalen, Volubilis wurde jedoch im Gegensatz zu vielen anderen Städten nicht aufgegeben. Die lateinische Sprache blieb hier sogar bis zur arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert in Gebrauch. Idriss I, der 788 das erste unabhängige marokkanische Reich gründete, residierte noch dort, aber schon sein Sohn machte die Neugründung Fès zu seiner Hauptstadt und die alte römische Stadt verfiel.
Jahrhunderte lang hatten die Marokkaner den Ruinen keine Beachtung geschenkt. Die Zeit vor der Ankunft des Islam galt stets als „dschahilija“, als die „Zeit der Unwissenheit“. Nur einer zeigte Interesse an den Ruinen: Moulay Ismail (1672-1727), der zweite Sultan der Alouitendynastie, benutzte Volubilis als Steinbruch für die Errichtung seiner neuen prächtigen Hauptstadt Meknès. 1755 schließlich wurde die Stadt durch das schwere Erdbeben von Lissabon in Mitleidenschaft gezogen.

Etwa um 1915 begannen dann französische Archäologen mit ersten Ausgrabungen. 1997 wurde Volubilis als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt. Danach begannen umfangreiche Bauarbeiten. Vier Villen mit schönen Mosaiken wurden gefunden. Auf den Mosaiken in den Häusern des Dionysos, des Theseus, des Aion und des Orpheus werden Szenen aus der griechischen Mythologie dargestellt. Die ältesten Darstellungen datieren in das 4. Jahrhundert v. Chr, der Kampf des Theseus mit dem Minotaurus dürfte das bedeutendste Mosaik sein.

Botanischer Exkurs

Neben dem prominenten Mohn und den Kornblumen, die hier im Frühjahr wachsen, können manchmal über den Boden rankende blaublütige Blumen gefunden werden. Die Engländer bezeichnen sie als „Morning Glory“, weil die einzelne Blüte sich nur eines sehr kurzen Lebens erfreuen kann, etwa eines Vormittags. Wir Deutschen sind da nüchterner und nennen sie nach Form und Farbe Trichter- oder Purpurwinde. Ihr botanischer und auch französischer Name: Ipomoea Volubilis! Wie kommen Botaniker und Franzosen nur auf „Volubilis“, wo doch die Heimat dieser Schlingpflanze Mittelamerika ist? Sollten die Ruinen von Volubilis mit diesem Schlinggewächs überwuchert gewesen sein, als sich die französischen Archäologen Ende des 19. Jahrhunderts an die Grabungsarbeiten machten? Sollten sie von dem Anblick dermaßen fasziniert gewesen sein, dass sie den Standort der Pflanze – wie es bei der Namensgebung in der Wissenschaft nicht unüblich ist – in ihre Bezeichnung haben einfließen lassen? Schon vor Jahren sinnierte ich darüber, auch heute bleibt die Frage für mich unbeantwortet.

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